Aus der Quecke erzählt  
     
 

Die vier Ehen des Rutger Lemmig / oder: warum heute so viele Ehen scheitern


In der Lintorfer Kirche St.Anna heiratete Verantius Junckholtz am 24. Oktober 1680 Margarethe Tegeler, die Tochter des Küsters Bertold. Es ist das einzige Mal, dass diese drei Menschen in den Lintorfer Kirchenbüchern erwähnt werden. Nach über drei Jahrhunderten ist das alles, was wir vom Leben dieser drei Lintorfer wissen. Wann sie geboren wurden, ob sie Kinder hatten - wir wissen es nicht. Doch immerhin sind sie durch diese eine Eintragung bis heute dem Vergessen entgangen. Vielen Lintorfern geht es wie Verantius Junckholtz, seiner Braut und seinem Schwiegervater. Die Kirchenbücher erwähnen sie ein- oder zweimal. Dann verliert sich die kaum aufgeflackerte Spur wieder im Dunkel der Geschichte. Aber es gibt auch andere Beispiele in den Registern von St. Anna. So die Familie Speckamp (siehe Quecke Nr. 57 und Andreas Preuß: „Industrielle Revolution in Lintorf?") und die Familie Rosendahl (siehe Quecke Nr. 61), die beide noch heute in Lintorf leben. Beide lassen sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts ununterbrochen in Lintorf nachweisen. Daneben finden sich Familien, die über einige wenige Jahre häufig erwähnt werden, bevor die Quellen für immer verstummen. Fünf davon stelle ich hier vor, um sie vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Es sind die Familien Lemmig, Trostorff, Frohnhoff, Meister und Marcelli. Sie lebten im wesentlichen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, im 18. und im frühen 19. Jahrhundert in Lintorf. Erst 1659 legten die Pfarrer in Lintorf Kirchenregister an. Davor fehlen regelmäßige Nachrichten über Geburt, Heirat oder Tod in Lintorf, so dass nur wenige Namen aus der Zeit vor 1659 überliefert sind.

Rutger Lemmig - was berichten die Pfarrer in den Kirchenregistern über diesen Mann? Kirchenregister, auch die der St.-Anna-Pfarre sind meist eine trockene Aufzählung von Geburts- oder Tauftagen, Hochzeitstagen und Sterbetagen. Und doch lassen die wenigen überlieferten Daten das Leben der Menschen, auch das Rutger Lemmigs, auferstehen, wenn sie richtig eingeordnet und gedeutet werden. Allerdings gibt es darüber hinaus weitere Quellen zum Leben Rutger Lemmigs. Er verfasst 1806 als Dorfschullehrer seinen Lebenslauf. Darin gibt er auch an, 1723 in Angermund geboren worden und 1741 nach Lintorf gezogen zu sein. Kaum war Rutger Lemmig nach Lintorf gekommen, da heiratete er auch schon eine Lintorferin. Er heiratete am 20. Mai 1742 im Alter von nur 19 Jahren. Das durchschnittliche Heiratsalter lag damals in Lintorf bei gut 28 Jahren. Rutger Lemmig heiratete also überaus jung. Seine Frau war die 1709 geborene Margaretha Lauffs. Mit kaum 33 Jahren war sie bereits Witwe und immerhin 14 Jahre älter als Rutger Lemmig. Mit gerade 39 Jahren starb sie am 13. Juli 1748 vermutlich im Wochenbett, nur dreizehn Tage nach der Geburt ihres Sohnes Johannes Peter Franz (* 30. Juni 1748). Aus ihrer Ehe mit Rutger Lemmig stammen zwei weitere Kinder: Maria Elisabeth, die 1743 geboren wurde, und Heinrich Ludwig, der 1746 das Licht der Welt erblickt hatte.
Nach dem Tode Margarethas blieb Rutger Lemmig mit seinen drei Kindern nicht lange allein. Schon am 5. September 1748 ehelichte er Anna Catharina Steuer. Wann sie geboren wurde, ist unbekannt. Ihre Ehe mit Rutger Lemmig dauerte für die damalige Zeit recht lange. Fast auf den Tag zehn Jahre nach der Eheschließung starb Anna Catharina (f 9. Sept. 1758). Am 13. April desselben Jahres war ihre Tochter Maria Magdalena geboren worden. Vielleicht erlag auch Anna Catharina Komplikationen nach der Geburt.
Maria Magdalena war Anna Catharinas fünftes Kind mit Rutger Lemmig. Die Mutter überlebte allerdings ihre drei ältesten Kinder. Maria Margaretha starb im September 1755 sechsjährig, Maria Johanna an Allerheiligen 1756 im Alter von fünf Jahren und Johannes Wilhelm am 19. August 1754, kaum acht Monate alt. Einzig der am 5. Juni 1756 geborene Johannes Wilhelm (!) lebt noch, als seine jüngste Schwester Maria Magdalena zur Welt kommt. Auch nach dem Tode seiner zweiten Frau bleibt Rutger Lemmig nicht lange Witwer. Für den 14. November 1758 vermerkt der Pfarrer in den Kirchenbüchern Rutger Lemmigs Heirat mit Anna Elisabeth Ruroth. Auch ihren Geburtstag kennen wir nicht. Dafür erfahren wir, dass sie in viereinhalb Ehejahren drei Kinder bekommt. Am 9. September 1759 wird Matthias Ludwig Anton geboren, der im April 1762 stirbt. Nur gut drei Wochen nach seiner Geburt, am 26. Juli 1761, stirbt der zweite Sohn, Johannes Anton. Zwei Monate vor dem Tode Anna Elisabeths wird Maria Gertrud (* 28. Dezember 1762) geboren. Stirbt auch Rutger Lemmigs dritte Frau im Kindbett? Zu diesem Zeitpunkt leben von seinen insgesamt elf Kindern vermutlich nur noch sechs. Fünf starben in den ersten sechs Jahren ihres kurzen Lebens. Eine für das 18. Jahrhundert übliche Kindersterblichkeitsrate, die hauptsächlich durch mangelnde Sauberkeit und schlechte Ernährung bedingt war.

Eltern hätten ihre Säuglinge bewusst sterben lassen, wird in der Geschichtswissenschaft behauptet. Denn in den Augen der Eltern sei ein kurzes irdisches Dasein der Mühsal eines langen Lebens in Hunger und Elend vorzuziehen gewesen. Eine Behauptung, die sich nur mit Hilfe der Lintorfer Kirchenbücher nicht bestätigen lässt.
Rutger Lemmig entscheidet sich nach der kurzen Ehe mit Anna Elisabeth für eine vierte Frau. Mit gerade 40 Jahren ist er schließlich im besten Mannesalter. Am 3. Juli 1763 nimmt er Maria Gertrud Nehselhof aus Mintard zur Frau. Die Ehe bleibt kinderlos. Das ist die letzte Nachricht über Rutger Lemmig in den Kirchenregistern. Doch 1804/06, nach beinahe 40 Jahren, sprudeln die Quellen zu Rutger Lemmigs Leben dann noch einmal, als sich Eltern bei der Schulkommission über sein „unmenschliches Verfahren" gegenüber seinen Schülern beschweren. Rutger Lemmig war nämlich Küster der St.Anna-Kirche und Lehrer der katholischen Kinder des Ortes (siehe: Theo Volmert „Wie Rutger Lemmig seinen Schülern Lesen und Schreiben und die christliche Lehr beibrachte", Quecke Nr. 59, S. 32 – 37). Elf Kinder mit vier verschiedenen Ehefrauen, das ist auch um die Mitte des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich. Zwar heiraten Witwen und Witwer häufig. Doch vier Ehen in nur 25 Jahren sind auch für jene Zeit nicht üblich. Alltäglich sind dagegen die kurzen Zeiten der Witwerschaft. Rutger Lemmig wartete nach dem Tode seiner ersten beiden Frauen kaum zwei Monate mit der erneuten Heirat. Beim vierten Mal ließ er sich dann immerhin ein halbes Jahr Zeit. Die Lintorfer Kirchenregister belegen, dass die Wiederverheiratung selten mehr als ein halbes Jahr auf sich warten ließ. Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert vollzieht sich hier ein Wandel. Aber nicht der Abstand zwischen dem Tod des einen Ehepartners und der nächsten Heirat wird länger. Vielmehr nimmt die Zahl der Ehen deutlich ab, bei denen einer der Partner verwitwet ist. Ein Zeichen dafür, dass die Ehen aufgrund der steigenden Lebenserwartung länger dauern. Gerade die Frauen sterben nicht mehr so früh. Sie überleben die Geburten ihrer Kinder. Eine bessere medizinische Versorgung kann kaum die Ursache sein, da wesentliche Fortschritte in der Medizin erst im 19. Jahrhundert erfolgen. Also lange, nachdem die Lebenserwartung der Frauen deutlich gestiegen war. Bis heute gibt es hierfür keine Erklärung. Eine Wiederverheiratung in höherem Alter aber wird schwieriger. Gleichzeitig verliert die Heirat ihre materielle Bedeutung. Die Vernunftehe, geschlossen auf einer gesunden wirtschaftlichen Grundlage, wird allmählich durch die Liebesheirat ersetzt. Mit der vor allem von der Romantik begrüßten Liebesheirat nimmt dann die Zahl der Ehescheidungen beständig zu. Doch zurück zu Rutger Lemmig. Von seinen Nachkommen erfahren wir aus den Kirchenregistern nichts mehr. Lediglich die Heirat Maria Magdalenas (1782) aus der zweiten Ehe mit Anna Catharina Steuer wird erwähnt. In nur 21 Jahren zwischen der ersten Heirat Rutger Lemmigs 1742 und dem Jahre 1763 wird er mehr als ein Dutzend mal in den Kirchenbüchern der St.-Anna-Pfarre verzeichnet. Kaum ein anderer Lintorfer findet sich in den Kirchenregistern des 17, und 18. Jahrhunderts so oft wie Rutger Lemmig.

Ein anderes Beispiel ist die Familie Marcelli. Sie wird in den Quellen auch Marzel oder Marschel genannt. Zwischen 1661, die Kirchenregister beginnen erst zwei Jahre vorher, und 1681 lassen sich insgesamt sechs verschiedene Familien mit dem Namen Marcelli in Lintorf nachweisen. Danach bricht die Überlieferung in den Kirchenbüchern fast völlig ab. Am 5. Februar 1661 wird die Geburt Werner Marcellis, des Sohnes von Johann und Margaretha Marcelli, registriert. Schon fünf Tage später, am 10. Februar, wird der Tod des Neugeborenen vermerkt. Dann wird die Familie nicht mehr genannt. Ähnlich verhält es sich bei Heinrich und Catharina Marcelli. 1661 wird der Sohn Adolph geboren. Das genaue Geburtsdatum ist unbekannt. Noch im selben Jahr, am 29. Dezember, stirbt Adolph. Bereits am 30. August 1661 ist der Tod des Vaters, Heinrich Marcelli, vom Pfarrer im Kirchenbuch eingetragen worden. Danach verstummen die Nachrichten. Am 8. Februar 1662 wird Conrad Marcelli geboren. Seine Eltern sind Theodor und Gertrud Marcelli. Conrad stirbt im Alter von gut vierzehn Jahren am 9. September 1676. Nur durch seine Geburt erfahren wir die Namen der Eltern. Bei seinem Tod werden sie nicht mehr erwähnt. Das ist aber kein Hinweis auf ihren Tod. In den Kirchenbüchern von St.Anna werden immer nur die Verstorbenen genannt, nie deren Angehörige. Immerhin drei Eintragungen finden sich zur Familie Adolph und Gertrud Marcelli. Im März 1668, der Tag ist nicht leserlich, wird der Sohn Heinrich geboren. Er stirbt am 2. Juni 1676 im Alter von gut acht Jahren. Schon am 24. April 1670 war sein Vater Adolph gestorben. Ob die Mutter noch einmal heiratete, geht aus den Kirchenbüchern nicht hervor. Dass Matthias und Adelgunde Marcelli gelebt haben, wissen wir nur durch die Geburt der Tochter Maria am 1. Februar 1679. Es gibt keine einzige andere Nachricht in den Kirchenregistern über diese drei Menschen und ihr weiteres Schicksal. Etwas ausführlicher sind allein die Nachrichten zu Wilhelm Jacob und Catharina Marcelli. Sie heirateten am 20. Juli 1681. Catharina ist die einzige Marcelli, deren Mädchenname bekannt ist. Sie war eine geborene Heggen. Insgesamt hatten sie vier Kinder: Johann Wilhelm (* 15. Juni 1682), Anna Margaretha (* 22. Oktober 1685; von ihr finden wir später noch eine weitere Eintragung in den Registern), Elisabeth (* 19. August 1691) und Theodor Conrad (* 17. September 1693). Nur von Johann Wilhelm ist auch das Todesdatum, Oktober 1720, überliefert. Anders als bei Rutger Lemmig geben uns die Kirchenregister nur wenig Auskünfte über die Familien mit dem Namen Marcelli. Lediglich die Vornamen und einige Geburts- oder Sterbedaten sind überliefert. Hier ist auch für den Historiker nur wenig zu erkennen. Immerhin erfahren wir auf diese Weise von insgesamt sechs Lintorfer Familien mit dem Namen Marcelli. Dabei ist zu bedenken, dass kaum zwanzig Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) in Lintorf vermutlich insgesamt nur 50 bis 60 Familien lebten. Eine andere Lintorfer Familie: Johann Trostorff und Anna Marschel, vermutlich handelt es sich um Anna Margaretha Marcelli (siehe oben), bekommen am 6. November 1718 einen Sohn. Er wird auf den Namen Johann Heinrich getauft. Nach der Geburt der Tochter Maria Elisabeth am 8. September 1720 erleidet Anna Marschel ein für das 18. Jahrhundert alltägliches Schicksal. Sie stirbt im Kindbett. Ihre Beerdigung ist für Oktober 1720 registriert. Wann Johann Trostorff und Anna Marschel heirateten, ist unbekannt. Doch schlössen sie ihre Ehe wahrscheinlich um 1715. In dieser Zeit wurden die Kirchenbücher nicht ordentlich geführt. Es fehlen zahlreiche Eintragungen. Was aus der Tochter wurde, ist unbekannt. Johann Heinrich aber heiratet anfangs der 1750er Jahre. Doch dazu später mehr. Zunächst heiratet der Vater der beiden, Johann Trostorff, am 13. Februar 1721 die Lintorferin Gertrud Blospiel. Sie wurde am 10. Februar 1696 geboren. Bei der Heirat war sie also 25 Jahre alt. Während Johann Trostorff schon am 26. Oktober 1725 starb, wird Gertrud Blospiel 47 Jahre alt. Sie starb erst im Mai 1743. Der Todestag wird in den Kirchenregistern nicht genannt. Drei gemeinsame Kinder haben sie. Es sind der 1722 geborene Reiner, Cäcilia Catharina (1723) und Catharina Elisabeth (1725). Die beiden Mädchen heirateten recht spät, nämlich 1762 im Alter von 39 und 37 Jahren. Vielleicht sind weitere Ehen vorangegangen, die nicht überliefert wurden. Gewöhnlich jedoch vermerkten es die Pfarrer, wenn die Braut Witwe war. Reiner dagegen heiratete mit 28 Jahren Anna Margaretha Bracht. Ein durchschnittliches Heiratsalter. Der Ehe entstammen zwei Töchter: Maria Margaretha, geboren am 29. März 1756, starb im Alter von sechseinhalb Jahren am 29. August 1762. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester (* 18. Dezember 1758) wurde beinahe zehn Jahre alt. Sie starb am 19. August 1768. Der Vater überlebte seine Töchter nur um wenige Jahre. Sein Todestag ist der 5. Mai 1771. Reiner Trostorff wurde zwei Tage später, am 7. Mai, zu Grabe getragen. Auffällig an Reiners Ehe ist die Namengebung bei den Töchtern. Sie tragen beide als zweiten Vornamen den Namen ihrer Mutter - Margaretha. Die jüngere Tochter erhält sogar den vollständigen Namen der Mutter - Anna Margaretha. Dies ist keine übliche Namengebung. Johann, Reiners Stiefbruder aus der ersten Ehe des Vaters, stirbt erst am 22. April 1777 und wird zwei Tage später beerdigt. Er heiratete zu Beginn der 50er Jahre Maria Margaretha Ropertz, deren Geburtsdatum unbekannt ist. Doch überlebt sie ihren Mann nur um zwei Jahre (+ 12./15. November 1779). Die Eheschließung ist nicht überliefert. Sie kann jedoch auf die frühen 50er Jahre datiert werden, da am 8. September 1755 der erste Sohn, Johann, geboren wird. Johann stirbt allerdings im Alter von nur einem Jahr im Oktober 1756. Wäre Johann älter geworden, so hätte er seine sieben Geschwister kennengelernt: Eva (* 30. Januar 1758), Anna Elisabeth (* 23. August 1769), Catharina Elisabeth (* 25. November 1762, + 20. März 1764), Johann Bernhard (* 18. Februar 1765), Johann Adolph (* 13. Dezember 1767), Catharina Gertrud (* 27. Oktober 1769) und Heinrich (* 19. Juli 1772). Die Familie Trostorff lässt sich weiter verfolgen, wenn auch nur über den 1767 geborenen Johann Adolph. Seine Heirat mit Margaretha Mentzen, geboren am 25. Februar 1776, ist für den 13. Juli 1799 dokumentiert. Er wird dabei als Bauer bezeichnet. Er wohnte an der Mühle, Nr. 83. Johann Adolph hatte nicht nur sieben Geschwister, er hatte auch acht eigene Kinder. Es sind Anna Margaretha (*14. April 1800, +20./21. Juni 1802), Agnes (*6. Dezember 1801), Johann Wilhelm (* 29./30. August 1804), Maria Christina (*21./24. April 1807), Carl Johann (*23./24. Oktober 1809), Anna Catharina (*12. Januar 1812), Heinrich (*7. Januar 1815) und Elisabeth (* 28. Dezember 1817). Von seinen Kindern heiraten 1834 Johann Wilhelm und 1840 Heinrich. Die Familie Trostorff ist in den ganzen rund zweihundert Jahren in den Kirchenregistern zu finden. Die Angaben sind die gesamte Zeit über gleichmäßig. Sie lassen keine großen Aussagen zu. Aber es zeigt sich, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Zahl der Kinder steigt. Keine Folge der geringeren Kindersterblichkeit, sondern der deutlich höheren Lebenserwartung der Frauen. Dadurch dauern die Ehen länger.

Ein anderes Beispiel: Am 7. Juni 1792 heiratet Johann Peter Frohnhoff, geboren in Rath, die Lintorferin Catharina Glasen. Er wird als Tagelöhner bezeichnet und wohnt am Duisburger Baum. Erstmals wird hier die Familie Frohnhoff erwähnt. Johann Peter und Catharina bekommen zusammen vier Kinder: Johann Conrad stirbt 1795 gut zweijährig, Johann Wilhelm (* 17. September 1796), Johann Peter (* 20. Dezember 1799) und Johann Peter (!) (* 10./12. Juli 1804). Die drei überlebenden Söhne heiraten in Lintorf und bleiben auch hier wohnen. Wilhelm Frohnhoff heiratet vermutlich Mitte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts, denn am 31. Januar 1827 bringt seine Frau, Josepha Theus, Zwillinge zur Welt: Johanna Gertrud und Wilhelmina Margaretha. Das genaue Datum der Eheschließung ist deshalb nicht bekannt, weil die Unterlagen für die Eheschließungen zwischen 1810 und 1829 nicht überliefert sind. Insgesamt wird Josepha Theus dreizehn Kindern das Leben schenken. 1828 folgt Anna Catharina, die jedoch kurz nach der Geburt verstorben ist. Zwar liegen für die Zeit nach 1809 keine Sterberegister vor, doch wurde ihr Name im Taufregister mit einem Kreuz gekennzeichnet, was auf ihren Tod schließen lässt. Alle zwei Jahre folgt nun die Geburt eines Kindes. 1830 wird Peter geboren, 1832 Friedrich, 1834 kommt Elisabeth zur Welt, deren Taufe jedoch mit einem Kreuz versehen ist. Das gleiche gilt für ihre 1836 geborene Schwester Elisabeth (!). 1837 erblickt Johann Wilhelm das Licht der Welt. Drei Jahre später ist es Wilhelm (!) (* 1840). Dann folgen drei Mädchen: Elisabeth (!) (* 1843), Josepha (* 1845) und Agnes (* 1848). Als letztes wird schließlich der Sohn August 1851 geboren.
Wilhelm Frohnhoffs Bruder Johann Peter (* 1799) heiratet etwa zur gleichen Zeit. Auch für ihn vermerken die Kirchenregister 1827 die Geburt eines Kindes (Katharina). Zusammen mit seiner Frau Gertrud Tackenberg hat Johann Peter insgesamt zehn Kinder. Er steht seinem Bruder also kaum nach. Es sind neben Catharina: Peter (*/+ 1831), Helena (* 1833), Johann (* 1835), Josepha (*/+ 1837), Christina (* 1839), Josepha (* 1841), Carl (* 1844), Peter (*/+ 1846), August (* 1850). Der dritte Bruder, Johann Peter, heiratet schließlich gegen Ende der 1820er Jahre Helena Busch. Am 7. Februar 1830 wird die Tochter Elisabeth geboren. Es folgen Friedrich Wilhelm (* 1832), Gertrud (* 1835), Wilhelm (* 1838) und Carl (* 1841). Auch Johann Peter ist Tagelöhner. Der 1832 geborene Friedrich Wilhelm heiratet am 18. April 1858 die Lintorferin Gertrud Tackenberg (* 1834). Am Tag der Hochzeit wird übrigens Tochter Wilhelmina getauft. Sie war einen Tag zuvor geboren worden. Drei weitere Kinder folgen: Johann (* 1859), Margaretha (* 1861) und Peter (* 1862). 1826 verzeichnen die Kirchenbücher die Geburt Adolph Frohnhoffs. Seine Eltern sind der Tagelöhner Adolph Frohnhoff und Maria Schorn (* 28. November 1804). Bis 1849 werden noch sechs weitere Kinder registriert: Jacob Gerhard (* 1828), Elisabeth Catharina (* 1830), Wilhelm (* 1833), Christina Elisabeth (* 1836), Gertrud (* 1841) und Wilhelm (* 1849). Aber der Vater, Adolph Frohnhoff, kann den übrigen Familien nicht zugeordnet werden. Die Taufregister geben keinen Hinweis auf seine Herkunft. Die Familie Frohnhoff wird also 1792 erstmals in den Lintorfer Kirchenbüchern erwähnt. Vorher gab es sie in Lintorf nicht. Doch von den vier Söhnen Johann Peter Frohnhoffs heirateten drei in Lintorf. Alle drei bekamen überdurchschnittlich viele Kinder. Die zahlreichen heutigen „Frohnhoffs" in Lintorf sind daher vermutlich alle auf Johann Peter aus Rath zurückzuführen.

Ein letztes Beispiel für die Lintorfer Familiengeschichte ist Jacob Meister (* 1707, + 1754). Er könnte ein Nachfahre der Familie Marcelli sein, über die bereits berichtet wurde. Jacob Meister wird in den Quellen auch Jacob Meister zu Marschel oder Marcelli genannt. Er heiratet 1733 die zehn Jahre jüngere Agnes Holtz (* 1717, + 1755). Gemeinsam haben sie acht Kinder, was weit über dem Durchschnitt der Zeit liegt. Das letzte Kind, Johann Adolph, kommt übrigens einen Monat nach dem Tod des Vaters zur Welt. Mit nur zehn Monaten ist es Vollwaise. 1734 wird Johann Michael, der erste Sohn, geboren. Er wird nicht einmal elf Monate alt. Maria Magdalena kommt 1736 zur Welt, 1740 Friedrich. Es folgen Johann Jacob (* 1743, + 1747), Maria Gertrud (* 1746, + 1750), Anna Maria (* 1747, + 1748), Johann Jacob (* 1749) und Johann Adolph (*1755). Nur der letztgeborene Johann Adolph führt die Familie weiter. Er heiratet 1780 Catharina Gertrud Speckamp (* 1760). Fünf Kinder stammen aus dieser Ehe. Es sind Catharina Elisabeth (* 1781), Anna Josepha (* 1784), Johann (* 1786),Johann Adolph (* 1788) und Jacob (* 1792). Noch zweimal findet sich eine Notiz zur Familie Meister in den Registern. 1816 die Geburt Peter Adolphs und 1819 die seiner Schwester Agnes. Eltern sind Johann Meister und Gertrud Hülchrath. Dann schweigen die Quellen zur Familie Meister wieder.

Soweit die Nachrichten zu fünf Lintorfer Familien vor dem Beginn der Industriellen Revolution. Sie lassen einige wenige Rückschlüsse auf das Leben der Menschen im 17. und 18. Jahrhundert im kleinbäuerlich geprägten Lintorf zu. Eine der entscheidendsten Erkenntnisse: Die Ehen werden im Laufe des 18. Jahrhunderts beständiger, da die Ehepartner, vor allem die Frauen, länger leben. Gleichzeitig beginnt eine neue Entwicklung. Denn die Ehen werden zugleich auch unbeständiger. Dauerten sie zuvor ein - wenn auch kurzes - Leben lang, so gewinnt die Ehescheidung seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung.

Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob zwei Menschen sechs, vielleicht zehn Jahre miteinander leben müssen (Rutger Lemmig mit Margaretha Lauff und mit Anna Catharina Steuer), oder ob sie, wie heute oft, drei, vier oder gar fünf Jahrzehnte eines gemeinsamen Lebens vor sich haben, wovon der größte Teil auch noch allein - ohne Kinder - verbracht wird. Zu Zeiten eines Rutger Lemmig sorgten die Kinder in der kurzen Zeit der Ehe immerhin für weitere Abwechslung.

 
 



Andreas Preuss

Die Quecke Nr. 63, 1993, Seite 82
 
     
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