Aus der Quecke erzählt  
     
  Als das Wäschewaschen noch Spaß machte / „Große Wäsche“ anno 1924


Wäsche waschen, das ist eine unangenehme Tätigkeit. Denn kaum ist die Wäsche sauber gewaschen und gebügelt, so ist der Wäschekorb bereits wieder randvoll mit schmutziger Wäsche. Wäsche waschen, das hätte auch als Vorlage für die berühmte Sisyphusarbeit dienen können.
Bei dem Gedanken an die Armen Hausfrauen in der Zeit, als es noch keine elektrischen Waschmaschinen gab, befällt die „moderne Hausfrau“ deshalb wohl nur ein mitleidiges Lächeln. Die Wäscheberge, die in einer vierköpfigen Familie – mit zwei kleinen Kindern – anfallen, möchte niemand mit der Hand waschen müssen.
Wie aber sah die „Große Wäsche“ anno 1924 in Lintorf wirklich aus? Lene Frohnhoff (80), geborene Hey, erinnert sich an die aufwändige Prozedur:
„Wäsche gewaschen hat Mutter alle vierzehn Tage. Wir waren im Soumagne-Haus (heute Speestraße 40) zu vier Familien. Zwei Familien haben immer gemeinsam gewaschen, so dass alle zwei Wochen die „Große Wäsche“ vor der Tür stand.
Es begann am Samstagnachmittag. In der Waschküche wurde der Waschzuber mit heißem Wasser gefüllt, und ich konnte baden. Nachdem ich fertig war, wurde der gröbste Dreck abgeschöpft und zwei Eimer heißes Wasser nachgefüllt. Jetzt war Lisbeth, meine kleine Schwester an der Reihe. Wann Vater oder Mutter gebadet haben, weiß ich nicht. Ich habe es nie gesehen. Nachdem Lisbeth gebadet hatte, wurde wieder der Schmutz abgeschöpft und Wasser nachgefüllt. Mutter füllte Bleichsoda ins Wasser und legte dann die schmutzige Wäsche in den Waschzuber. Die Bleichsoda war, glaube ich, von Henkel. Über Nacht blieb die Wäsche im Waschzuber.
Erst am Sonntagmorgen ging die Wäscherei weiter. Um sieben Uhr besuchten wir die Messe. Dann gab es Frühstück. Anschließend ging Mutter in die Waschküche. Die Wäsche musste ausgewaschen werden. Dann kam sie in den „Humpott“, so nannten wir den gemauerten Waschkessel. Seifenpulver der Firma Henkel kam hinzu.
 
  Da unser Vater bei Holz Kaiser arbeitete, wurde der Waschkessel mit Holz geheizt. Erst ganz am Schluss hat Mutter dann noch´ei Brikett oben aufgelegt. Wieder blieb die Wäsche über Nacht im Kessel.
Am Montagmorgen ging Mutter wieder in die Waschküche. Die Wäsche musste auf einem Rubbelbrett ordentlich gerubbelt werden. Dann wurde sie hinter unserem Haus auf der Wiese gebleicht. Bei schlechtem Wetter ging das natürlich nicht. Dabei mussten wir die Wäsche ständig nass machen, damit sie nicht steif wie ein Brett wurde.
Gegen Mittag haben wir die Wäsche dann von der Bleiche geholt und in klarem Wasser ausgespült. Denn die Wäsche war nicht nur gebleicht, sie hatte auch reichlich Schmutz angezogen. Hunde und Katzen waren über die Wäsche gelaufen und die Vögel hatten ihr Bestes gegeben.
Am Abend kam die Wäsche wieder in den „Humpott“. Jetzt wurde sie mit Sil, ebenfalls von Henkel, angesetzt und aufgewärmt. Aber nicht gekocht! Hierin blieb sie bis Dienstagmorgen.
Am anderen Morgen ging Mutter also wieder in die Waschküche. Wieder wurde die Wäsche in klarem Wasser ausgespült und endlich auch auf der Wäscheleine getrocknet. Damit war die so genannte „Große Wäsche“ beendet.
Für uns Kinder war es immer ein Erlebnis. Wir durften baden. Mutter hat es wohl auch Spaß gemacht. Denn bei der ganzen Wäscherei hat sie natürlich mit der Nachbarin ordentlich getratscht. Langweilig ist es ihnen bestimmt nicht geworden.“
1937/38, so erinnert sich Marianne Preuß (65), geborene Hey, gab es in der Familie die erste „richtige“ Waschmaschine. Im Waschbottich war ein bewegliches Holzkreuz angebracht, mit dem die Wäsche ständig bewegt wurde. Allerdings musste dieses Waschkreuz von zwei Frauen (!) mit der Hand bedient werden. Es war eine gebrauchte Waschmaschine, die die Arbeit im Heyschen Haushalt erleichterte. Sie stammte von der Familie Frohnhoff, die die erste elektrische Waschmaschine erhielt.
Christine Heerdt (85), geborene Frohnhoff, erinnert sich bei der „Großen Wäsche“ ebenfalls an viel Arbeit. Aber der Wascharbeit der Hausfrauen und Töchter wurde schon damals keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb sind die Erinnerungen auch eher gering. Es war eine Arbeit, die gemacht werden musste, meist alle vierzehn Tage.
Die bei modernen Historikern überaus beliebte „Oral History“, also von Zeitzeugen erzählte Geschichte, hat immer einen entscheidenden Nachteil. Das, wovon die Zeitzeugen berichten, liegt viele Jahre, oft sogar Jahrzehnte zurück. Christine Heerdt, Lene Frohnhoff und Marianne Preuß erzählen aus ihrer Kindheit. Sechs bis acht Jahrzehnte sind seit damals vergangen.
Im Rückblick ist alles nicht mehr so schlimm wie am Tage des Erlebens. Diese Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht. Die schlechten Erinnerungen verdrängen wir einfach. Zurück bleibt die „gute alte Zeit“, als alles viel besser war als heute.
So muss es auch mit der „Großen Wäsche“ bei den Famlien Hey und Frohnhoff gewesen sein. Denn so wie sich Lene Frohnhoff erinnert, kann die Wäsche anno 1924, auch ohne elektrische Waschmaschine fast keine große Plackerei gewesen sein. Die meiste Zeit hat die Wäsche schließlich im Waschbottich gelegen. Das kann so nicht gewesen sein! Oder doch? Es widerspräche jeder Waschmittelwerbung, wäre der blanke Hohn für jeden Waschmaschinenhersteller, die den Hausfrauen die Arbeit erleichtern wollen.
Wäschewaschen war vor der Erfindung der elektrischen Waschmaschine für die meisten Frauen viel leichter als heute. So lautet die provokante These der Berliner Historikerin Karin Hauser („Große Wäsche – Technischer Wandel und sozialer Fortschritt in Deutschland vom 18. bis ins 20. Jahrhundert“, in: Geschichte und Gesellschaft, S. 273 bis 303, 1987).
Der Historiker J.K. Galbraith fragt in dem Zusammenhang sogar, wie es möglich gewesen sei, die bürgerlichen Hausfrauen so erfolgreich in eine heimliche Dienerklasse zu verwandeln, dass sie die niederen Dienste selbst ausführten. (nach K. Hauser, S. 279)
Wie kommen Karin Hauser und J.K. Galbraith zu ihren Aussagen?
Weiße und dazu noch saubere Wäsche konnte sich im 18. und im frühen 19. Jahrhundert kaum jemand leisten. Selbst in großen Haushalten – Bürgertum, Adel – gab es nur alle vier bis sechs Monate die „Große Wäsche“. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts überschwemmten billige Massentextilien den Markt, so dass sich auch Angehörige der Mittel- und Unterschicht mehr als ein oder zwei Kleidungsstücke leisten konnten. Taschentücher, Nachtwäsche, Bettzeug und Handtücher gab es sogar erst im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Mehrzahl der Haushalte. Außerdem wurde auf die Sauberkeit der wenigen Wäschestücke kein gesteigerter Wert gelegt. Ihre wenigen Kleidungsstücke wuschen die Menschen meist selten, vielleicht alle sechs bis acht Wochen einmal. Die Wäscherei hielt sich für die Hausfrau also in engen Grenzen, sofern sie überhaupt wusch.
In den großen bürgerlichen oder adeligen Haushalten nämlich, also dort, wo etwas mehr Wäsche anfiel, wurde die „Große Wäsche“ meist an Waschfrauen vergeben, die für ein oder zwei Wochen in dem jeweiligen Haushalt arbeiteten. Die „Große Wäsche“ durch eigenes Personal durchführen zu lassen, wäre zu teuer gewesen. Dass die Hausfrau, besser die Hausherrin, die Arbeit selbst gemacht hätte, war einfach undenkbar.
Seit den 1860er Jahren gab es gewerbliche Wäschereien in großer Zahl. Die gewerbliche Wäscherei war im ausgehenden 19. Jahrhundert sogar einer der wichtigsten Erwerbszweige für Frauen. Nach 1918 wandelt sich diese bezahlte Frauenarbeit in unbezahlte Hausfrauenarbeit. Der Wandel vollzog sich so rasch, dass die beiden Lintorferinnen Lene Frohnhoff und Christine Heerdt die „guten alten Zeiten“ gar nicht mehr erlebt haben, als die Hausfrau noch nicht waschen musste.
Auch hat sich bis zur Jahrhundertwende in der gesamten Bevölkerung ein häufigerer Wäschewechsel durchgesetzt. Am Beginn des 20. Jahrhunderts war es selbst in einfacheren Haushalten üblich, alle zwei bis drei Wochen (!) die Wäsche zu waschen.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zeichen des deutschen Wirtschaftswunders, beginnen wir Deutsche unsere Wäsche wöchentlich und später sogar täglich zu wechseln. Ein großer Fortschritt für die Hygiene, ohne Frag. Ein einträgliches Geschäft für Waschmittelproduzenten und Waschmaschinenhersteller, ohne Frage. Für die moderne Hausfrau eine große Arbeitserleichterung, ohne Frage, wenn wir davon absehen, dass sie bei den Hygienestandards von vor einhundert Jahren nur alle sechs Wochen waschen musste.
Übrigens vollzieht sich mit dem Wandel von der „bürgerlichen Hausfrau zur heimlichen Dienstmagd“ noch ein zweiter Wandel: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Wäsche eine öffentliche Angelegenheit, bei der die Frauen sicher auch viel Zeit hatten, miteinander zur reden. Heute ist die Wäsche etwas sehr Persönliches, das in die eigene Küche oder in den Keller gehört.
Warum aber wird die Wäsche heute versteckt? Schämen wir uns unserer „sauberen Westen“ oder haben wir Angst vor der „schmutzigen Wäsche“, die in der Öffentlichkeit gewaschen werden könnte? Oder schieben die Hausherren die Hausfrauen in den Keller ab, weil sie ihrer Ehefrau ungern bei der Arbeit zusehen?




Andreas Preuss

Die Quecke Nr. 64, 1994, Seite 24
 
     
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