Aus der Quecke erzählt  
     
  "Die Geschichte der Lintorfer Lichtspiele ! "


Man muß schon weit zurück denken. Ein halbes Jahrhundert ist es schon her. Wer erinnert sich schon noch daran? Der Krieg lag einige Jahre hinter uns. Man fing gerade an sich daran zu gewöhnen, daß die Geschäfte wieder alles hatten. Begriffe wie "Mangelware, Rationen, Lebensmittel, Sonderzuteilungen" waren fast schon vergessen.
Lintorf war wie vor dem Krieg noch recht dörflich geprägt. Im Ort gab es noch große Ackerflächen, z.B. an der Duisburger Straße. Bauern mit Pferden und Landmaschinen gehörten noch zum Straßenbild. Der "Wilde Mann" gehörte auch dazu. Der mit langer Peitsche über der Schulter, mit schweren Schritten neben seinen gewaltigen Kaltblütern herging und sein sperriges Langholzgespann mit Schimpfen und Peitschknallen jeden Abend in Richtung Dampfsägewerk Kaiser lenkte. Heute klingt das fast lächerlich, aber es gab wieder so etwas wie eine Straßenbeleuchtung! Wenn sie auch nach heutigem Verständnis diese Bezeichnung kaum verdiente. Denn die ersten Straßenlampen nach dem Krieg ähnelten mit ihren Emailleschirmen gängigen Stallaternen.
 
  Aber, wie war es in Lintorf zu dieser Zeit denn nun um Kultur und Unterhaltung bestellt? Der Genuß des Radioempfangs z.B. beschränkte sich auf die Mittelwelle des "Nordwestdeutschen Rundfunk" in Hamburg. UKW kam erst später in die Wohnungen. Und Fernsehen? Man hörte, daß es so etwas in Amerika gab. Zerstreuung und Unterhaltung boten allenfalls die Hand- und Fußballvereine auf dem Sportplatz "Am Sonnenschein". Es gab einen starken Turnverein im Saal vom "Uehm" Mentzens (Kothen). Es gab einen neu gegründeten Schachclub in der Gaststätte Plönes. Oder man quetschte sich in die Menschentraube vor der "Klömkesbud" der Frau Werminghaus, und erkämpfte sich ein Eis zu 20 (= 2 Bällchen 0,20 DM), oder "e Blöske Brausepulver för fönef Penning"...
Über eine längere Zeit spielte an den Wochenenden im Saale Mentzen eine Ungarkapelle aus dem Lager an der Rehhecke zum Tanz auf ("Bitte, bitte, bitte lieber Geiger, mach Musik für mich..."). Später machte sich die Kapelle Mentzen dbzgl. einen Namen. An den Tanzabenden war der Saal, wie man sich denken kann, proppenvoll! Genau so war es, wenn im Saale Mentzen ein Wanderkino Filme zeigte. Oder die Laienspielgruppe aus Mühlheim Selbeck Bühnenstücke wie "Über Land und Meer" mit dem fiesen Oberheizer Grimm, aufführte.
Einer der größten Lacherfolge die der Mentzensaal wohl je erlebt hat, war ein Elternabend des Kindergartens in der Vorweihnachtszeit. Der Kindergarten, der im "Klösterken" sein zu Hause hatte, führte unter der erfahrenen Hand von
Schwester Leocardis ein Bühnenstück auf, das, wenn ich mich recht erinnere, die vorweihnachtliche Hektik in der himmlischen Bäckerei und Geschenkeabteilung zu Thema hatte. Das Gedränge um eine Eintrittskarte zu diesen Veranstaltungen war unbeschreiblich. Das Geschiebe mit den lose im Saal stehenden Stühlen vor der Vorstellung infernalisch. Was den Lintorfern also an Unterhaltung geboten wurde, war nicht viel, aber ergötzlich und gefragt.
Kinos gab es in Ratingen. Nur es gab noch keine Busverbindungen! Das hieß um 14:00 Uhr mit dem Zug nach Ratingen zu fahren. Entsprechend voll waren die Züge. Reichte das Geld nur fürs Kino, lief man zu Fuß oder fuhr per Fahrrad über die "Renn" nach Ratingen. Man ging ins "Capitol" oder in die "Schauburg" und nahm, um überhaupt hinein zu kommen gerne eine Stunde Drängelei und Geschubse vor den Kasse in Kauf. Zur Not dann auch einen "Rasiersitz" direkt vor der Leinwand. Hauptsache drin, und Marika Röck, Zarah Leander oder Johannes Heesters hören und sehen. Auf dem Nachhauseweg sang man voller Hingabe und im gleichen Tonfall (und Dialekt) die Schlager der Filmstars: "Üch wärrde jäde Nacht voon ühnen trooii määän.." oder "Essa mussa wassa wunderbarres saiin...". Wie gesagt, für richtigen Filmgenuß mußte man mindestens nach Ratingen, wenn nicht sogar nach Düsseldorf!
Vor diesem Hintergrund muß man die Wirkung eines Gerüchtes verstehen, daß in Lintorf fast einem Erdrutsch gleich kam. Das Gerücht, das hier hartnäckig die Runde machte besagte, daß in Lintorf ein Kino gebaut werden solle! Und zwar auf Lückers Acker, den Häusern Duisburger Straße 29-31 gegenüber. Also genau vor "ons Nas" . Hoffnung und Zweifel hielten sich die Waage. Bis nach einigen Wochen jemand gesehen hatte, daß "jemand" auf dem Acker herumgemessen und lange Eisenstangen in die Erde geschlagen hatte. Für uns Jungen war es ein kleines heraus zu finden wo diese steckten. Jeder stellte sich auf eine der Eisenstangen und daraus ergab sich ein großes, langes Rechteck. Das mußte es werden unser Kino! Und so war es denn auch. Denn schon nach einigen Wochen tat sich etwas. Wenn ich mich recht erinnere, übernahm die Fa. Ickelrath von der "Krummenweger Straße" (heute Uhlenbroich) damals die Ausführung der Maurerarbeiten. Das Kinogebäude lag etwa 20 Meter von der Duisburger Straße entfernt. Das große Hauptgebäude nahm den Zuschauerraum und in der ersten Etage den Vorführraum auf. Im ebenerdigen Vorbau befand sich der großzügige Eingang, die Eingangshalle, links die Toiletten, und rechts die Kasse bzw. das Büro. Es dauerte einige Wochen bis der Rohbau fertig gestellt war. Wir warteten gespannt auf die Fertigstel lung des Daches. Darüber lernten wir den Herrn des Hauses kennen, Herrn Hermann Schmidt aus Ratingen. Wie man sich erzählte, war er eigentlich gelernter Schreiner. Er betrieb bis in den Krieg hinein in der Nähe des Rather Bahnhofs schon ein Kino. Wurde dort ausgebombt, und machte nach dem Krieg hier in Lintorf einen neuen Anfang. Er war ein ungemein fleißiger Mann, dessen Markenzeichen über viele Jahre sein verwaschener, grauer Kittel und seine abgewetzte altmodische Schimütze sein sollte. Keine Arbeit war ihm fremd, so auch nicht das Eindecken des Saaldaches mit großen Betonplatten. Hierbei, und später noch anfallenden Arbeiten gingen ihm zwei Männer zur Hand, deren handwerkliches Geschick Herrn Schmidt von großen Nutzen war: Herr Heinrich (Schäng) Nüsser, und Herr Thourau, den der große Flüchtlingstreck Ende des Krieges nach Lintorf geschwemmt hatte. Mit einer Handwinde wurden die schweren Betonplatten aufs Saaldach gehievt und in schweißtreibender Handarbeit auf die Querstreben des Daches geschoben. Das muß im Spätherbst 1949 gewesen sein. Ich erinnere mich, daß es an den Abenden früh dunkel wurde, so daß man beim Licht leistungsstarker Lampen weiter arbeitete. Räumten die Handwerker und Arbeiter endlich das Feld, gehörte die Baustelle uns Kindern. Im gespenstischen Halbdunkel des Mondlichtes spielten wir im Rohbau des halbgedeckten Saales mit viel Geschrei Fußball, Verstecken, oder Räuber und Schandit .
Es kam dann die Zeit der Handwerker. Die Installation machte ein dem Herrn Schmidt befreundeter Installateur aus Ratingen Tiefenbroich und die Elektroinstallation Elektromeister Hubert Fettweis aus Lintorf. Besonders erwähnen möchte ich hier Schlossermeister Max Kolbe aus unserer Nachbarschaft, mit dem Herr Schmidt, später noch viele Jahre freundschaftlich verbunden war. Er erledigte die Schlosserarbeiten am Kino: Die Treppe zum Vorführraum, die schönen Außenlampen, die Sicherheitstüren, die Außentore, Schaukästen u.v.a. Wie oft hat Max Kolbe seine eigene Arbeit zur Seite gelegt um "seinem Hermann" aus der Klemme zu helfen. "Max, du hast doch gerade nichts zu tun...", eröffnete dieser häufig das Gespräch, mit einer Skitze hinter dem Rücken... In der fortgeschrittenen Bauphase machten ich mich dann auch schon mal richtig nützlich mit Bier holen. Oder mußte bei Butenberg Nägel oder sonst was besorgen. Letzteres immer gegen Quittung! Ich half beim Verlegen des Saalfußbodens, wobei Herr Schmidt mir zeigte wie man Nägel sauber und fachgerecht einschlägt. Oben im Vorführraum schnurrte während dessen geheimnisvoll ein Filmprojektor und ließ vorne auf der Leinwand ein paar Testbilder flimmern. Irgend jemand brachte das Gerücht auf, es gäbe gleich für uns eine Probevorstellung! Es war ein Gerücht.
Zwischenzeitlich wußte ich auch, daß Herr Schmidt nicht alleiniger Besitzer des künftigen Kinos war. Da gab es noch eine Frau Weyres, die wohl eine knappe Mehrheit im Unternehmen hielt. An ihrem Gestus erkannte man die Großstadt. Beider Rollen im Unternehmen waren entsprechend verteilt: Frau Weyres sorgte für feste Werbeeinnahmen aus dem Raume Ratingen und Düsseldorf, für den Reklameblock im Vorstellungsvorprogramm, und Herr Schmidt sorgte mit seiner Mannschaft für den reibungslosen Ablauf des Kinobetriebes.
Im Laufe der nächsten Monate ging das Kino allmählich seiner Fertigstellung entgegen. Bevor man jedoch die Saalbestuhlung montierte, hatte Herr Schmidt sich etwas Besonders ausgedacht. Er lud die ganze Nachbarschaft, ja den ganzen Ort zu einer Gratisfilmvorführung ein, quasi als Generalprobe! So zogen an besagten Abend wahre Völkerscharen in Richtung Kino. Jeder mit einem Stuhl unter dem Arm und suchte sich in dem noch leeren Zuschauersaal den seiner Meinung nach besten Platz. Einige zogen während der "Vorstellung" noch mehrmals um, um noch besser sehen zu können. Es war für alle Beteiligten ein Riesenerlebnis. Herr Schmidt aber gewann damit die Herzen der Lintorfer für sein Kino!.. Nachdem die Bestuhlung montiert war, hatten die "Lintorfer Lichtspiele" etwa 300 Sitzplätze. Der Unterschied der Sitzplätze des 1. und 2. "Parketts" lag in der Distanz zur Leinwand und der unterschiedlichen Kopfneigung nach hinten. Vom 2. "Parkett" (Rasiersitz) wirkten die Stars seltsam langköpfig und flach. Die hinteren Sitzreihen, "Sperrsitz" genannt, verwöhnten die Zuschauer mit einer angenehmeren Kopfhaltung und einer dezenten Polsterung der Stühle. Die Eintrittspreise von DM 0,70 1.10 1,40 erscheinen uns heute fast unglaubhaft. Man muß sie natürlich vor dem Hintergrund der damaligen Einkommensverhältnisse sehen.
Es gab eine kinotypische Wand und Bühnenbeleuchtung die sich stufenlos auf und abblenden ließ und den berühmten roten Teppich in den Seitengängen des Saales usw. Kurz, es war ein Kino, das sich sehen lassen konnte.
 
  Am 24. März 1950 wurden die "Lintorfer Lichtspiele" mit dem Opernfilm "La Traviata" im Rahmen einer Galavorstellung einem Kreise geladener Gäste vorgestellt. Die gesamte Ortsprominenz, Kommunalpolitiker, Schulleiter, die Presse, Filmtheaterkollegen, mitwirkende Handwerker; was Rang und Namen hatte war eingeladen. In euphorischenen Festreden wurde der kulturelle Wert der "Lintorfer Lichtspiele" für Lintorf beschworen.
Lintorf hatte damit seine erste Filmtheaterpremiere!
Am 25. März war es dann weit. Die "Lintorfer Lichtspiele" wurden mit dem Film "Immer nur du" mit Johannes Heesters, Dora Komar, Paul Henckels und Fita Benkhoff endlich der Öffentlichkeit vorgestellt! Welche Bedeutung die Eröffnung des Kinos hatte, ist heute kaum nachvollziehbar. Das Publikum kam ja nicht nur aus Lintorf, sondern auch aus Tiefenbroich, Breitscheid, Hösel und sogar aus Selbeck und Angermund. Vor der Kasse herrschten Zustände wie man sie von den Ratinger Kinos her kannte. Große Menschentrauben drängten, schoben mit Schimpfen und Maulen zur Kasse. Man wußte, daß die Vorstellungen schnell ausverkauft waren. Um dem Platzbedarf gerecht zu werden, wurden kurzfristig Klappnotsitze (ohne Rücklehnen) montiert, und wenn es "hart" wurde, schaffte man zusätzlich noch die privaten Stühle der Familie Nüsser heran. Ja, einige Zuschauer versuchten sogar die Kassiererin zu beschwätzen ihnen einen Stehplatz zu verkaufen! Aber das ging nun wirklich nicht...
Das Chaos war dann komplett, wenn die Menschenmassen der zu Ende gegangenen Vorstellung durch den Menschenpulk der nächsten Vorstellung ins Freie drängte. Dieser Zustand beruhigte sich erst nach einigen Monaten.
Bei allem darf nicht vergessen werden, daß es ja noch im wesentlichen die schwarz/weißFilme der Vorkriegs und Kriegszeit waren die vorgeführt wurden. Vereinzelnd gab es schon mal Nachkriegsfilmproduktionen. Farbfilme aber waren die große Ausnahme. Es war noch die Zeit der großen UfaStars. Wer kennt sie denn heute noch: Siegfried Breuer, Zara Leander, Erich Ponto, Adele Sandrock ("Na, junger Mannnnn?"), Aribert Wäscher, das Filmekel vom Dienst. Hilde Krahl, Karl Raddaz, Albert Florak, Rene Deltgen (Kautschuk) und wie sie alle hießen. Oder Christina Söderbaum die Süßwassserleiche, die in jedem Film irgendwie immer im Wasser endete. Da gab es die herrlich melancholischen Ganghoferbergfilme mit Hansi Knotek und Paul Richter richtige Zuschauermagnete. Die Vorstellungen waren täglich um 20:00Uhr. Freitags und samstags gab es zusätzlich eine Spätvorstellung um 22:15 Uhr. Samstags begannen die Vorstellungen um 17:00, 20:00 und 22,15 Uhr. Sonntags um 11:00 Uhr war Kindervorstellung, in der es oft so laut zuging, daß man das Geschrei im Vorführraum bei laufenden Projektoren hörte. Die Kinder ließen sich noch mit Märchenfilmen begeistern! "Pat und Paterchon", Cowboyfilme mit William Boyd, oder Ken Maynard mit seinem Wunderpferd Tarzan waren gefragt. Aber auch "Dick und Doof" oder Urwaldheld "Tarzan" waren echte Renner! Die weiteren Sonntagsvorstellungen folgten um 14:30, 17:00 und 20:00 Uhr.
Das Fahrrad gehörte damals zum alltäglichnen Leben. So war es auch völlig natürlich, daß viele Kinobesucher, besonders jene von auswärts, mit dem Fahrrad zum Kino kamen um von den Busverbindungen unabhängig zu sein. "Schäng" Nüsser hatte das gleich erkannt und im Schoppen hinter dem Kinosaal eine Fahrradwache eingerichtet, auf die ein großes Schild hinwies. Daß Besucher mit dem Auto kamen, war eher selten. Aber der allmählich einsetzende Motorradboom bestimmte so nach und nach das Bild des Kinovorplatzes. Man fuhr DKW Tornax NSU Zündap ADLER HOREX usw. Besonders stark vertreten waren die hier in Lintorf produzierten Motorräder und "Vespa"s" der Fa. Hoffmann. Das Röhren der Motorräder signalisierte der Nachbarschaft ohne hinaus sehen zu müssen, daß die Vorstellung zu Ende war.

Zur Kinomannschaft gehörten einige Damen, die den Zuschauerfluß vor den Vorstellungen als Platzanweiserin steuerten. In Erinnerung geblieben sind mir neben Frau Schmidt auch deren Schwägerin Fräulein Schmidt. Dazu Inge Nüsser, die heutige Frau Bauhofer und Frau Schuur aus der Nachbarschaft, der wir übrigens heute das offensichtlich einzige existierende Foto des Kinos verdanken! Eine besondere Rolle spielte Frau Maria Nüsser. Sie sorgte über Jahre neben ihrer Tätigkeit als Platzanweiserin mit großer Umsicht auch für die Reinheit des Kinos. Sie war täglich mehrere Stunden mit und in "ihrem Kino" beschäftigt. Die Seele der "Lintorfer Lichtspiele" war zweifellos Frau Schanton, die neben der Büroarbeit auch die Kasse führte. Täglich kam sie, wenn das Wetter es einigermaßen zuließ von Ratingen, wo die Schantons an der Böcklerstraße einen Kohlenhandel betrieben, mit ihrem Schäferhund "Rex" zu Fuß nach hier. Sie war eine sehr umtriebige Seele und kümmerte sich einfach um alles: Versand, Filmverträge oder Buchhaltung usw. Wo sie auch immer auftauchte, verbreitete gute Laute mit ihrem herzlichen Lachen. Hin und wieder sprangen schon mal die damals noch unverheirateten Töchter der Frau Weyres, Else und Marianne beim Kassendienst ein. Beide waren von sehr sympatischem und freundlichem Wesen. Frau Weyres selbst wohnte zu der Zeit hier an der "Krummenweger Straße". Nach dem Tochter Else nach Wuppertal, und Tochter Marianne den damaligen Juniorchef des Ratinger Fahrwerkeherstellers Tapper an der Kaiserswerter Straße ehelichten, sah man diese nur noch selten im Kino. Was mich betraf " faszinierte mich der Kinobetrieb vom ersten Tag an. Es war die Atmosphäre schon beim Betreten des Zuschauersaales. Das geheimnisvolle Dämmerlicht vor der Vorstellung und der herrliche Sound der Kinolaut sprecher. Zu Beginn einer Vorstellung gab es (aus steuermindernden Gründen) immer einen meist öden Kulturfilm. Aber spätestens wenn sich der rotierende Globus der "Foxtönenden Wochenschau" auf dem sich öffnenden Vorhang zeigte und die markannte Musik ertönte, erstarb jedes Gespräch im Saal und es machte sich spannungsvolle Stimmung breit. Nach dem "Vorspannteil" als Programmvorschau der kommenden Woche folgte der erwähnte DiaWerbeblock sich empfehlender Geschäfte. Eine langweilige Geschichte fürs Publikum, brachte aber Geld in die Kasse. Die Platzanweiserinnen nutzten diese Zeit um im Dämmerlicht des Saales mit einem Bauchladen "LangneseEis", Drops, Eiswaffeln, Karamellbonbons, oder "Hillers Pfeffermünz" zu verkaufen. Wer Bedarf hatte, suchte prophylaktisch noch die "Örtlichkeiten" auf, oder rauchte vor dem Kino noch schnell eine Zigarette. Aber dann ließ man sich fortreißen in die Traumwelt der Stars, der Liebe und Abenteuer. Großer Beliebtheit erfreuten sich die zu jedem Film erhältlichen Filmprogramme, die "FilmIllustrierte" zu "10 DM. Mit ihnen überbrückte man die Zeit bis zum Beginn der Vorstellung. In ihnen erfuhr man alles über den Inhalt des Films und die Stars. Diese Heftchen blieben bis heute begehrte Sammel und Tauschobjekte aus einer guten alten Filmzeit.

Was mich besonders interessierte war natürlich die Technik unseres Filmtheaters. Ich "hing" viele Stunden meiner Nachmittage am Kino herum, und versuchte mich unentbehrlich zu machen in dem ich für jeden ansprechbar war
um etwas erledigen zu können. Die erste große Aufgabe fiel mir mit der Verteilung der Filmplakate zu. Hier für erhielt ich das fürstliche Salär von DM 10, die Woche! Wichtiger war aber, daß ich mir alle Filme gratis ansehen konnte. D.h. so weit sie mich nicht sittlich gefährdeten! (Ein halbnackter Busen galt schon als abgrundtiefe Pornografie!) Zweimal die Woche fuhr ich dafür die Plakate per Fahrrad zu verschiedenen Stellen hier in Lintorf: Zu Gaststätten, und wo sonst Schaukästen der "Lintorfer Lichtspiele" standen. Aber auch nach Tiefenbroich, Angermund, Selbeck und Breitscheid gingen Plakate.
Wie es sich für ein richtiges Kino gehörte, mußte der aktuelle Film nach außen ansprechend präsentiert werden. Dazu hatte Herr Schmidt eine Art wulstigen Bilderrahmen von etwa 1,50 x 5,00 Metern bei Max Kolbe bauen lassen, den er auf das Dach des Kinovorbaues montierte. Eine bemalte Leinwand die in diesen Rahmen paßte war die Werbefläche für das laufende Filmprogramm. Die künstlerische Ausführung wurde Herrn Walter Möser vom Thunesweg übertragen, dem wir übrigens eine ganze Anzahl Radierungen, längst verschwundener Lintorfer Gebäudlichkeiten und Kotten verdanken. Mehrmals in der Woche kam Herr Möser mit seinem alten Damenfahrrad angefahren. Auf dem Gepäckträger eine uralte, verschlissene, ehemals braune Aktentasche, in der er seine Malutensilien transportierte. Ich konnte mich nicht satt sehen, wie er im Schoppen hinter dem Kinosaal in Riesenlettern den Filmtitel und die Namen der Stars in wenigen Stunden gekonnt auf die große Leinwand brachte. Manchmal zauberte er auch noch das Konterfei des Hauptdarstellers mit auf die Leinwand. Daß es dabei schon mal etwas mit der Ähnlichkeit haperte, wurde schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Als es z.B. einmal Zarah Leander sein sollte, meinte Herr Schmidt: "Also Walter, ich kann mir nicht helfen, aber die sieht aus wie die Mutter von Marika Röck!". Den das aber nicht erschütterte. Schließlich gehörten solche künstlerische Ergüsse nicht zu seinem Auftrag und wurden auch nicht bezahlt. Gemalt wurde mit Leimfarben. Die Farbenpulver holte ich Herrn Möser im Farbengeschäft Wagner an der Speestraße. Bis dahin wußte ich, daß es "Knallrot", "Giftgrün" oder Himmelblau" gab. Nun lernte ich, daß es "Tizianrot" "Umbra" " und "Ultramarin" gab.

Die Verkäuferin Helga bei Wagner, die heutige Frau Wilde kannte mich schon und stellte mir aus den vielen kleinen Holzschubladen das Farbsortiment zusammen. Herr Möser rührte die Farben mit Wasser an und gab etwas Leim hinzu. Zuviel Leim durfte nicht sein, denn dann ließ sich das Kunstwerk später nicht mehr abschrubben. Walter Möser erlitt im Krieg an der linken Hand schwerste Erfrierungen, die ihm zeitlebens zu schaffen machten. Zum Schutze trug er deshalb die Hand in einer Art Lederschiene. Diese Behinderung zwang ihn, alles mit seiner Rechten zu machen. So war z.B.auch das Abschrubben der alten Beschriftung für ihn mit großen Mühen verbunden. Herr Nüsser oder ich nahmen ihm das häufig ab. Ebenso das Weißen der großen Leinwand mit Leimkreide und Quast.

Noch während die letzte Vorstellung eines Filmes lief, wurde die neue Filmreklame von Herrn Schmidt und Herrn Nüsser in den Rahmen aufs Dach gehieft. Das war normalerweise kein Problem. Anders war das, wenn herbstliche Stürme das Kino umtosten. Dann brauchte man, um das Transparent auf dem Dach zu bändigen, auch schon mal vier gestandene Männer. Denn es war vorgekommen, daß Herr Schmidt die Kraft der Winde unterschätzt hatte und er samt dem Transparent fast vom Dach gefegt worden wäre, wenn er es nicht noch rechtzeitig losgelassen hätte. Für die Filme der Spätvorstellungen gab es ebenfalls ein bemaltes, kleineres Transparent, daß man aus Platzmangel unterhalb des großen Rahmens, unter der Dachrinne anbrachte. Es gab Tage, an denen Herr Schmidt vor Wut puterrot anlief und Walter Möser breit grinste. Das waren die Tage nach einem Unwetter, mit Winden von West. Der Regen hatte Mösers Kunstwerk bis aufs Gewebe abgewaschen! Nicht mal die Spur von Farbe war auf der Leinwand geblieben! Natürlich war Walter Möser Schuld. Er hätte mal wieder am Leim gespart.... Walter Möser grinste: Denn es mußte noch mal gemalt (und bezahlt) werden! Nach ein paar Tagen beim Schnäpschen, wurde von beiden darüber geflaxt und herzlich gelacht. Nach einigen Jahren trennten sich die Wege von Walter Möser und Hermann Schmidt. Letzterer hatte sich nämlich etwas Geniales einfallen lassen wie er meinte. Statt der Leinwand montierte er nun eine lindgrün gestrichene Blechwand in den großen Rahmen! Clou daran war, daß er sich große Lettern aus Blech in drei Größen beschafft hatte, sie nach Größe verschiedenfarbig anstrich und rückwärtig mit Magneten versah. Mit diesen Haftlettern konnte er nun selbst die Filmtitel kostengünstig zusammen stellen. Als reine Information für die Vorbeigehenden mochte das ja noch angehen, aber es fehlte natürlich die " künstlerisch mösersche" Ausstrahlung. Ausgesprochen lustig wurde es, wenn Hermann Schmidt das Opfer seiner eigenen Knickigkeit wurde. Bei längeren Filmtiteln z.B. reichten oft die Buchstaben einer bestimmten Größe nicht. Also nahm er den einen oder anderen Buchstaben aus einer kleineren oder größeren Buchstabengruppe (und anderer Farbe). Gleiches passierte bei den Namen der Filmschauspieler: Hier erschien mitten im Namen plötzlich ein, viel zu großer oder zu kleiner, und farblich anderer Buchstabe. Kurz, die neue Filmwerbung hatte manchmal den Charme und Charakter eines RebusRätsels. Da gab es häufig ungewollte Lacher, auch wenn der Inhalt des Films an sich eher trauiger Natur war. Ein weiterer Anlaß fuchsteufelswild zu werden, und wie ein Rohrspatz zu schimpfen war für ihn die "Freiwillige Filmkontrolle". Eine Institution, die der kath. Kirche nahestand. Sie hatte sich die Beurteilung von Spielfilmen für kath. Kinobesucher zur Aufgabe gemacht. Auf der linken Seite unserer schönen "St. Annakirche" z.B. wurden in einem Schaukasten die aktuellen Filme der "Lintorfer Lichtspiele" für Leute die es interessierte "besprochen". Mir fiehl die Rolle des Informanden zu, Herrn Schmidt den Inhalt dieser Beurteilungen nahe zu bringen. Haarklein mußte ich ihm berichten, notfalls die Beurteilung auch abschreiben. Wenn ich zurück denke, daß selbst Filme wie "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann hier keine Gnade fanden " war das oft schon lächerlich was dort zur Wahrung der Moral geschrieben wurde. Jede Woche schickte mich "Onkel Hermann", wie ich ihn inzwischen hinter seinem Rücken nannte, zu seinem persönlichen Ärger zur Kirchenwand. Ließ sich anschließend berichten und geriet darüber jedesmal prompt auf die Palme. Selbst traute er sich dort nicht hin. Da wechselte er vorher lieber die Straßenseite und landete grollend bei "Plönes" oder "Mecklenbeck". Wenn ich hier jetzt etwas Technik ins Spiel bringe, so muß ich erst einmal von der Heizung des Zuschauersaales sprechen. Sie bestand nämlich aus einem simplen übermannsgroßen Kanonenofen, der vorne links neben der Lein wand in einer Art verkleideter Nische stand. Um es in der Abendvorstellung im Saal erträglich warm zuhaben, mußte er gegen Mittag angeheizt werden. Was selten ohne verqualmten Saal gelang. Zwischen den Vorstellungen der Wochenenden wurde er tüchtig mit Koks aufgefüllt, damit er die Vorstellung auch durchhielt. Wurde das vergessen, und es mußte während der Vorstellung nachgestochert werden, wurde der von der Ofenglut hellbeleuchtete Heizer schnell zur Zielscheibe allgemeinen Gelächters. Eine weitere Spezialität des Hauses war die Belüftung des Saales. Die es in den ersten Monaten nicht gab.Man kann sich leicht vorstellen, daß die Luftqualität des Saales, bei 300 eng beieinander sitzenden Zuschauern nach kurzer Zeit der eines Pumakäfigs nicht unähnlich war. In der wärmeren Jahreszeit behalf man sich mit dem Öffnen der Notausgänge. Im Winter war diese Art der Klimatisierung nicht angebracht. Aber, hier konnte Frau Schmidt ihre Erfahrung als langjährige Filmtheaterfrau ins Spiel bringen: In Form einer verchromten, überdimensionierten aber fiesklebrigen Handspritze. In der Art wie man sie bei "Wilhelm Busch" als Klistier findet. Mit einer solchen bewaffnet lief sie, während der Film lief, durch den Saal und versprühte mit ihr parfümierte Wässerchen in riesigen Wolken über das Publikum. Wie sie meinte, zur Verbesserung der Luft! Besonders imposant war die Duftwolke, wenn diese sich im Lichtschein des Projektors breit machte. Was mit einem allgemeinen Aufstöhnen quittiert wurde ("Puhpfui!Aufhöhren! ...Was ist das denn?"). Aber da war Frau Schmidt unerbittlich! Was für die Leute gut war, wußte sie am besten.

Ja, Frau Martha Schmidt... "Tante Matta" nannte ich sie wenn sie nicht dabei war. Sie war eine kleine, etwas drahtige Erscheinung, immer mit Vorsicht zu genießen, denn sie war nur mit einem Minimalhumor versehen und hatte für jeden schnell kleine Zurechtweisungen zur Hand. Ihre Markenzeichen waren ein uraltes, ein wenig verschlissenes Pelzcape, daß noch aus der Zeit des "Blauen Engels" stammen mußte, und ihr kleiner Dackel "Hexe", den sie mit all" ihrer Liebe der sie fähig war verwöhnte. "Tante Matta" war von etwas unverbindlicher, steriler aber gut gemachter Freundlichkeit, mit der sie jeden auf der Straße, als potentiellen Kinobesucher grüßte. Jeden Tag gegen 15:00 Uhr kam sie mit trippelnden Schritten und "Hexilein" am Leinchen durchs Tor. In der Tasche den heiß ersehnten Henkelmann für "Onkel Hermann", der sich gar nicht erst mit der Essgabel aufhielt, sondern gleich zum Löffel griff . "Tante Matta"! Sie bestimmte welche Schallplatten vor der Vorstellung und während der Werbung gespielt werden durften. "Heideröschen" war ihr zu neumodisch "Der dritte Mann" mit Anton Karas ging gerade noch. Weil der aber wochenlang bei der Werbung gespielt wurde, hing er den Leuten schon zum Halse heraus. Die "Toselli Serenade" z.B. hielt "Tante Matta" für die Kinomusik! Also das Schallplattenrepertoire der ersten Jahre war so eine Sache. Es war ein Sammelsorium von Potpourris und Uraltplatten mit z.B. Richard Tauber, Erna Sack oder alten Märschen. Diese Relikte stammten wohl noch aus ihrem ersten Kino in D"dorf Rath. Weshalb sie wohl auch an dieser Musik so hing, als Synonym der guten alten Kinozeit. Diese "Schätzchen" mußten alle noch mit 78 U/min abgespielt werden. Der Tonabnehmer besaß noch keinen Saphir, sondern wurde mit altehrwürdigen Grammophonnadeln betrieben, die natürlich die Neigung hatte zu verschleißen. Da sie aber ein paar Mark im Duzend kosteten, drehte "Onkel Hermann" sie ein paarmal bis sie wirklich stumpf(!) waren. Ja, ich erwischte ihn dabei, daß er versuchte, sie mit einem Speckstein wieder anzuspitzen!.. Man kann sich vorstellen wie die so maltraitierten Schallplatten klangen: "Schchschchschch...." und dazwischen Erna Sack..."Tante Matta" saß häufig am Tonsteuer des Saales und steuerte von dort die Lautstärke. In dieser Funktion machte sie von dort gerne den "Vorlacher". D.h. kam eine Stelle im Film die als lustig empfand " hörte man hinten links aus ihrer Ecke ihr helles und markantes "Hühühühü", und jeder wußte: Die Szene ist lustig. Einige Leute taten ihr den Gefallen und kopierten ihr Lachen und es erscholl ein vielstimmiges "Hühühühü" im Saal...
Technisches Kernstück des Kinos war natürlich der Vorführraum, der für mich zwar streng tabu, dafür aber um so interessanter war. Zugänglich war er ausschließlich über eine eiserne Treppe, auf der linken Außenseite des Gebäu des. Nicht die Technik und Maschinen waren die Ursache des Verbotes, sondern das damals noch übliche hochfeuergefährliche Nitrofilmmaterial, das in erheblichen Mengen dort gelagert wurde. Entsprechend aufwendig waren die Sicherheitsvorkehrungen und einrichtungen: Automatisch schließende Feuerschutzklappen zum Saal hin, feuerfeste Türen und in die Wand eingelassene Hartholzfächer zur Aufbewahrung der Filmrollen. An einer Wandseite stand ein viereckiger mit Wasser gefüllter Blechbehälter. In den, erzählte mir "Onkel Hermann", müsse der Vorführer im Falle eines Filmbrandes die brennende Filmrolle mittels einer nassen Decke werfen. Das wäre natürlich Schwachsinn! Er empfahl immer: Stiftengehen! Aber die Filmschnipsel die beim Reparieren der Filme anfielen, wurden von ihm in einer verschließbaren Blechdose sorgfältig aufbewahrt! Zu Silvester machte er sich dann den Spaß, die Filmschnipsel des vergangenen Jahres draußen in einer großen Stichflamme schlagartig verzischen zu lassen.
Im Vorführraum standen zwei Fimprojektoren. Die Neuere von beiden war ein Produkt der Fa." AEG" " die Betag tere, begann ihre Tage bei "ZeissIkon". Als Lichtquelle dienten in beiden Maschinen Kohlebogenlampen. Später ersetzte sie durch Xenonlampen. Diese erreichten zwar nicht deren Lichtintensität, mußten dafür aber auch nicht laufend kontrolliert werde. Auch blieben Maschinen, Spiegel und Objektive länger sauber. Aber das war wie gesagt noch Zukunft.
Obwohl es streng verboten war den Vorführraum zu betreten, drückte "Onkel Hermann" ein Auge zu, und ich hatte des öfteren Gelegenheit mir anzusehen wie er eine Vorstellung "durchzog". Dann kam alles wieder wie gehabt: Ich machte mich nützlich! Und nach einiger Zeit hieß es: "Paß mal auf die Kohle und den Brennpunkt auf . Spul" mal den Akt zurück. Schick mal die Dias durch" usw. Ich lernte Filme sauber zu kleben und fürs Programm oder Versand fertig machen. Ich lernte saubere "Übergänge" (Bildwechsel v. einem Projektor zum andern) zu machen. Bald kamen nur noch Sicherheitsfilme in die Kinos! Von da an ließ mich Herr Schmidt alleine die Projektoren bedienen und gönnte sich unten im Büro schon mal ein Ruhepäuschen. Mit der Zeit wurde ich perfekt im Vorführraum und Vorführtechnik. Verstärker, Batterieraum, die Notbeleuchtung, Lampenwechsel kein Problem mehr für mich. "Onkel Hermann" vertraute mir völlig. Nach einem Zeitplan teilten wir uns schließlich die Vorführungen. So hatte er etwas Freizeit und ich ein paar Mark in der Tasche.
Farbfilme kamen nun verstärkt in die Kinos: "Technicolor" verwöhnte die Zuschauer mit dezentem Gelbstich, wo gegen "Agfacolor" das Grün favorisierte. Was soll"s, es waren Farbfilme, und sie waren sehr gefragt!
Für "Onkel Hermann" zog am Horizont wieder Unbill auf: Mit den Farbfilmen kamen neue Bildformate auf den Markt. Neben dem normalen Bildformat kamen Breitwand, Superbreitwand und schließlich das fantastische "Cinemascope". Riesige und "schweineteure" Objetive (Onkel Hermann) mußten hierzu angeschafft werden. Sogenannte Anamorphoten . Auch die Leinwand mußte auf Großformat gebracht und mit flexibelen Seitenmasken versehen werden. Die Vorführtechnik komplizierte sich um einiges. Aber um im Geschäft zu bleiben, waren diese Ivestitionen unumgänglich. "Onkel Hermann" war zwar einige Tage danach nicht zu genießen, aber er wußte: da mußte er durch. Das Ehepaar Schmidt hatte keine Kinder. Es waren Leute ohne Extravaganzen. Leute mit recht normalen Bedürfnissen, die sich ganz dem Filmtheater verschrieben hatten. Der Freundeskreis war klein. Er beschränkte sich auf Leute, die sie durch das Kinogeschäft seit vielen Jahren kannten. Oft waren es selbst eingeschworene Kinobesitzer. Ausnahmen waren "Onkel Hermanns" Freundschaften zu Max Kolbe und seinem direkten Nachbarn Josef Backes, die er sorfältig "pflegte".Mit letzterem verabredete er sich des öfteren in deren Lieblingskneipe "Plönes" an der Bahnschranke. Hierzu lud man gerne Schlossermeister und Frohnatur Max Kolbe zu einer "informativen Dreierrunde" ein. Max Kolbe fehlte als Jungunternehmer naturgemäß die Zeit dazu, ließ sich aber hin und wieder überreden, obwohl ihm die Folgen geläufig waren. Natürlich fehlte dem damals noch junger Mann die "Standfestigkeit" der beiden Kumpanen. Weshalb sie ihn schulterklopfend und gespielt mitleidig "unser Baby" nannten.

Diese Freundschaften reichten bis ins private Feiern, bei dem es ausgesprochen familiär zuging. Die große Eingangs
halle war Schauplatz dieser Ereignisse. Hier feierten die Familien Schmidt/Weyres mit Bekannten und eben diesen Freunden nicht nur rauschende Silvesterfeten, sondern auch die Silberhochzeit des Ehepaares Schmidt. Werner Rieder aus der Nachbarschaft sorgte mit seinem "Quetschebüdel" dafür, daß es stets eine lange, lange Nacht wurde. Max Kolbe weiß da manche Anekdote zu erzählen ...

Ihre Freizeit verbrachte Famlie Schmidt gerne in Düsseldorf. Man erfüllte sich dort ein paar kleine Wünsche, sah sich gerne neue Filme und neu eröffnete Filmtheater an. Oder sie folgte Einladungen der Filmverleiher zu Filmpremieren. Auf dem Rückweg zum Kino, blieb "Onkel Hermann" schon mal in der Lintorfer Bahnhofgaststätte hängen und vergaß dann dort, daß er Vorführdienst hatte. Ein Telefon(hilfe)ruf vom Kino rief ihn schnell zur Ordnung und auf den Plan, wo er dann erst im allerletzten Moment eintraf. Durch seine Hektik waren dann die Probleme natürlich vorprogrammiert. Da fehlte schon mal Ton oder Bild, oder beides. Oder er bekam mit o.g. Anamorphoten Probleme. Diese "Entzerrungsobjektive" mußten sehr präzise in der Objektivführung eingepaßt werden, damit die Projektionsbilder horizontal und vertikal exakt dargestellt wurden. Er erwischte dann schon mal die falsche Markierung, wo durch Anita Eckberg ihren tollen Busen überall hatte, nur nicht da wo er hin gehörte. Schlimmer wurde es, wenn er die Filmrollen vertauschte und die Filmhandlung total entstellte. Unten pfiff dann das Publikum was die Finger hergaben und oben hörte man "Onkel Hermann" fluchend die Filmrollen schmeißen. Das waren natürlich Ausnahmen, kam aber vor... Der Zuschauerboom hielt Jahre an. Herr Schmidt vergrößerte nun die "Lintorfer Lichtspiele" nach hinten um weitere 100 Sitzplätze. Mit dem Umbau verschwand auch der Heizofens aus dem Zuschauerraum in einen etwas tiefer gelegten Kellerraum hinter dem Saal. Dort stand er, als echte "Onkel Hermann Erfindung", in einer gemauerten Kammer, durch die die kalte Luft des Saales mittels eines Exhaustors gezogen, und gewärmt dem Saal wieder zugeführt wurde. Es war eine simple, aber sehr wirksame Lösung des Heizproblems.
Bei der Verlängerung des Saales hatte Herr Schmidt sich auch einen alten Wunsch erfüllt: Den Einbau einer Bühne! Sie war zwar nur wenige Meter tief, aber es war eine richtige Bühne. Immerhin gab sich kein geringeres als das Kölner "Millowitschtheater" mit dem "Etappenhasen" hier die Ehre und strapazierte mit ihm die Lachmuskeln der Lintorfer! Wer erinnert sich heute noch daran? Dieses Theater tingelte damals ziemlich mittellos über Land und kam auch nach Lintorf. Allerdings, deren Austattung war wohl mehr als spärlich. Sie bestand im wesentlichen aus einigen Kostümen und einem schwarzen Tuch, das man vor die Bildwand hängte. Auch an Requisiten fehlte so ziemlich alles. Man lieh sich Tische und Stühle für die Bühne in der Nachbarschaft bei der Familie Nüsser. Frau Schuur von gegenüber, halfen mit einigen Sesseln und einer Nähmaschine aus, mit der sich die Künstler Vorhänge uns sonstiges nähten. Doch als schließlich alles perfekt schien, gab es wieder ein Riesenproblem: Es fehlte der Hase! Wieder schwärmten die Künstler aus und wurden abermals in der Nachbarschaft fündig: Herr Fasoli von gegenüber half ihnen mit einem Stallhasen aus und rettete damit die Vorstellung! Improvisation war eben alles! Großer Beliebtheit erfreuten sich die Kindervorstellungen mit dem "Wuppertaler Puppentheater". Es war noch ein Puppentheater alten Schlages mit Kasper, Seppel und Gretel. Kasper war immer Herr der Lage und die Welt in Ordnung. Diese Vorstellungen fanden sporadisch an Sonntagvormittagen um 11:00 Uhr statt und waren meist restlos ausverkauft (DM 0,40). Der begeisterte Lärm ("Kasper! Kasper! Kasper!") der Kinder war bei diesen Veran staltungen unbeschreiblich. Schade, daß es das heute so nicht mehr gibt.
Um dem Zeitgeist gerecht zu werden, machte sich Herr Schmidt nach einigen Jahren an die Umgestaltung des Zuschauersaales. Die nicht mehr zeitgemäße, gestrichene Wandverkleidung verschwand hinter einer grünlichen, faltig drapierten Wandbespannung. Die großen Seitenleuchten wurde durch eine Indirektbeleuchtung an der Decke ersetzt. Damit nicht genug, Herr Schmidt änderte dem kompletten "Sperrsitz".Diese Sitzreihen wurden erhöht und mit einer grüngoldenen Wandpolsterung allseitig eingefaßt und hieß fortan "Loge". Um dem hier sitzenden Zuschauer das Gefühl von Exklusivität zu vermitteln, saß dieser hier nun erhöht auf dicken Polstersitzen, und von den übrigen Zuschauern dezent separiert. Das war ein Kinogefühl hier zu sitzen! Der neu gestaltete Zuschauerraum war eine ge lungene Arbeit von Herrn Schmidt und seinen Mitarbeitern, und brauchte den Vergleich zu städtischen Filmtheatern nicht zu scheuen. Die ersten Vorstellungen im neuen Gesicht empfanden die Zuschauer als kleine Premiere. War Herrn Schmidt eine Sache wie diese gut gelungen, war ihm die Genugtuung Tage anzusehen: Er schmunzelte! Es kamen nun Jahre, in denen nicht nur Vereine und andere Institutionen den negativen Einfluß des Fernsehens zu spüren bekamen, sondern auch die Filmtheater. Herr Schmidt, als umtriebiger Unternehmer, suchte nach "Finanzausgleich". Seine neue Bühne war ihm hier von Nutzen. Sie wurde in so manchen Nachmittagsstunden zum Schauplatz von Werbeveranstaltungen für Heizdecken, Dampfkochtöpfe u.a.. Auch stockte er den Vorführraum auf. Hier entstand eine geräumige Wohnung, die lange das zu Hause einer vierköpfigen griechischen Familie war, die sich auch wieder im und am Kino nützlich machte. Von beträchlicher Tragweite für die "Lintorfer Lichtspiele" war in der Folgezeit die Etablierung einer Konkurenz im ehemaligen Saal der Gaststätte "Mecklenbeck": Das "UNION"! Dieses Filmtheater hatte sich ein Mettmanner Unternehmer einfallen lassen, der schon andernorts mehrere Filmtheater dieser Art betrieb. So mancher fragte sich, welchen Wert ein zweites Kino für Lintorf wohl haben könne? Vom größeren Filmangebot einmal abgesehen. Wirtschaftlich konnte es nicht viel Sinn machen. Denn schon damals zeichnete sich ab, daß die großen Zeiten der Filmtheater und des großen Publikums vorüber waren. Also "krebsten" beide Kinos einige Jahre neben einander her. Nun, das "Union" stellte nach relativ kurzer Zeit seinen Betrieb wieder ein und stand zum Verkauf. Das Gespann Schmidt / Weyres griff sofort zu, um einer Konkurenz zuvor zu kommen. Das "UNION" wurde von Herrn Schmidt und mir technisch wieder auf "Vordermann" gebracht, ging wieder in Betrieb und überlebte letztlich das alte Kino um einige Jahre. Es war ein rationell zu führendes Kino. In einigen technischen Details sogar besser ausgestattet als die "Lintorfer Lichtspiele". Frau Schmidt führte dort meistens die Abendkasse, Platzanweiserinen gab es in wechselnden Besetzungen. Gut ein Jahr machte ich dort die Filmvorführungen, während Herr Schmidt sich dbzgl.um die "Lintorfer Lichtspiele" kümmerte. Aber, der enorme Zuschauerschwund dieser Tage, also Ende der 60er Jahre zwang die Betreiber zu einer Entscheidung. Und damit begann das traurigste Kapitel unseres alten Kinos. 1970, nach 20 Jahren, schlossen unsere "Lintorfer Lichtspiele" für immer ihre Pforten. Einiges an technischem Inventar wechselte meistbietend den Besitzer. Großer Beliebtheit erfreuten sich die Kinoklappstühle die für DM 20 das Stück in so manchen Partiekeller oder Fahrschulraum wechselten, und vieles, an dem Herr Schmidt mit seinem ganzen Herzen hing, daß er so viele Jahre liebevoll gepflegte hatte, war nun wertlos und wanderte in den Schrott. Ich hätte in diesen Tagen nicht in seiner Haut stecken mögen...
Das Gebäude wurde 1971 an die Firma "Centa Star" aus Hamburg (heute "Nordfeder" Stuttgart) vermietet " die im ehemaligen Kinosaal ein Auslieferungslager für Syntetic und Federbetten einrichtete. Zehn Jahre später, zum 1. Juli 1981 kündigte die "CentaStar" den Mietvertrag. Da sich nun keine weiteren Mietinteressenten mehr fanden, war damit auch das Schicksal des Kinogebäudes endgültig besiegelt. Gebäude und Grundstück gingen nun in den Besitz der Ratinger "Wohnungsbau Service GmbH" über. Diese Gesellschaft ließ das Kinogebäude im Herbst 1982 niederlegen und errichtete an der Straßenfront den Doppelhauskomplex Duisburger Straße 30 und 30a.

Heute, erinnert dort nur noch ein gemauerter Torpfeiler an unser schönes altes Kino die "Lintorfer Lichtspiele". In mir aber weckt dieses Stück Mauer wehmütige Erinnerungen, an die schöne und interessante Zeit damals. An die Zeit mit "Onkel Hermann" Tante Matta" und all den anderen die dabei waren.



(Ewald Dietz)
Quecke Ausgabe 69, Jahrgang 1999, Seite 74
 
     
  © 2003 Verein Lintorfer Heimatfreunde / www.lintorf-die-quecke.de