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Niederländische Zwangsarbeiter im Lager
Lintorf
In einer niederländischen Publikation aus dem Jahr 1996, erschienen
in Helden, einer Stadt in der Provinz Limburg, wurde ich auf ein dort
abgedrucktes Dokument aufmerksam (siehe Foto). Dort heißt es unter
der Überschrift:
Einsatzstab Fischer/Hauptabschnitt "Dora",
Bauabschnitt Schmitz, Lintorf: Der niederländische Dolmetscher In
den Kleef, Henrich, ist berechtigt, das Lager "Fürstenberg"
mit 150 Niederländern heute abend 17 Uhr zu verlassen, um an der
Messe in Lintorf teilzunehmen. Der An- wie auch der Abmarsch hat in geschlossenem
Zuge zu erfolgen. - Lintorf, den 1. April
1945 - Der Abschnittsleiter
Und auf der Rückseite dieses Scheines steht:
"Für die holländischen Arbeiter
wird folgendes mitgeteilt:
1. Die Arbeiter werden gebeten, nach der hl.
Messe geschlossen zu ihrem Lager zurückzukehren. Nur dann, wenn alle
ohne Ausnahme diese unsere Bitte erfüllen, wird in Zukunft die Sonntagsmesse
möglich sein.
2. Am nächsten Sonntag wird an alle holländischen
Kirchenbesucher bei Beginn der hl. Messe die Generalabsolution erteilt,
sodass auch alle zur hl. Kommunion gehen können. Wer die hl. Kommunion
empfangen will, muss vorher zwei Stunden oder, wenn dies nicht gut möglich
sein soll, wenigstens eine Stunde nüchtern bleiben."
Im Kommentar dazu heißt es: "Ze mochten
naar de kerk, maar bj voorkeur nuchter! Dat laatse waren ze eigentlijk
al sinds 8 oktober."
Übersetzt: "Sie durften in die Kirche gehen, aber möglichst
nüchtern. Das letzte waren sie eigentlich alle nach dem 8. Oktober".
(1)
Was war am 8. Oktober 1944 geschehen? In den Dörfern westlich der
Maas im katholisch geprägten Nord- und Mittel-Limburg warteten an
diesem Sonntag die Menschen in den Kirchen auf den Beginn des Gottesdienstes.
Plötzlich riegelten deutsche "Grüne Polizei", Fallschirmspringer
und Soldaten der Wehrmacht die Kirchen ab. Über 2000 Männer
wurden an diesem Morgen gefangengenommen, weitere 1000 wenige Tage später,
insgesamt über 3000. Sie wurden - es gab bei diesen Überfällen
auch Tote - kurz vor Kriegsende an verschiedenen Orten in unserer Region
und im Ruhrgebiet zur Zwangsarbeit eingesetzt. Bei diesen Aktionen war
besonders Helmut Temmler aufgefallen, der in den letzten Kriegsmonaten
in Ratingen gewohnt hatte. Temmler, Leiter des Gaukommandos Düsseldorf
und Vertrauter des Gauleiters Florian, hatte mit seinen Leuten - ihm unterstand
ein Trupp von 300 Mann - zahlreiche Plünderungen durchgeführt,
z.B. im Februar 1945 in Arnheim, wo er viele wertvolle Gemälde gestohlen
hatte. Wegen Temmler wandte sich sogar Heinrich Himmler an Martin Bormann,
da ihm dieses Treiben zu viel geworden war. Bormann schrieb: "Gerade
in den letzten Wochen und Monaten hat sich die Partei in den Niederlanden
der Wehrmacht gegenüber so durchgesetzt, daß allerorts größte
Achtung bestand... Abgesehen von dem Raub an sich, wird schon davon gesprochen,
daß bei der Partei eine schöne Panikstimmung herrschen müsse,
da solche Verzweiflungstaten möglich sind."(2)
Diejenigen 150 deportierten Niederländer, die im Lintorfer Lager
Fürstenberg landeten, waren zuerst nach Viersen und in die umliegenden
Dörfer gebracht worden. Als dort bereits Ende Februar die Amerikaner
einrückten, mußten sie zu Fuß weiter in Richtung der
noch nicht befreiten Gebiete laufen. In der Höhe von Düsseldorf
erfolgte die Übersetzung über den Rhein, wo sie dann den Fluß
stromabwärts weitergingen, bis sie nach Bockum kamen. Da die Front
immer näher rückte, wurde es wegen des Artilleriebeschusses
und wegen der Bombardierungen immer unerträglicher, ja lebensgefährlich.
In Wittlaer wurden sie in einer zerschossenen Fabrik untergebracht, und
von dort ging es weiter nach Lintorf in das "Krupplager", wie
es auch genannt wurde, in welches täglich weitere Zwangsarbeiter
verschiedener Nationalitäten hereingebracht wurden, die das nationalsozialistische
Regime aus den Bereichen der heranrückenden Front fortschaffen ließ.
Täglich schafften nach dem 10. April eingepferchte Zwangsarbeiter
den Ausbruch aus diesem Lager, das nach schweren Beschießungen am
17. April einen Tag später durch die Amerikaner befreit wurde (3).
Niederländische Zwangsarbeiter waren etwa seit Herbst 1940 in Deutschland
zur Arbeit eingesetzt worden, ebenso wie französische Kriegsgefangene.
Nur anfangs wurde bei den Anwerbungen aus den Niederlanden noch nach dem
Grundsatz einer gewissen Freiwilligkeit verfahren. Seit 1941 wurden mehr
und mehr Niederländer für den Arbeitseinsatz in Deutschland
zwangsrekrutiert.
Schon nach Kriegsbeginn 1939 waren polnische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene
zum Arbeitseinsatz in das Deutsche Reich gebracht worden, später
dann auch sowjetische Kriegsgefangene und Zivilpersonen. Auch hier waren
anfänglich Anwerbungen erfolgt, indem Vertragsabschlüsse mit
Einzelpersonen vorgenommen wurden. Doch viele wurden mit falschen Versprechungen
getäuscht, deshalb hatten sich immer weniger Arbeitskräfte gemeldet,
so daß Zwangsrekrutierungen in immer größerem Maße
vorgenommen wurden, denen oftmals auch Kinder zum Opfer fielen. Die im
Deutschen Reich eingesetzten Zwangsarbeiter waren keine homogene Gruppe.
Französische und niederländische Zwangsarbeiter - als "Arbeitnehmer
germanischer Abstammung" - sowie diejenigen aus den verbündeten
Staaten waren besser gestellt - sie wurden beispielsweise zumeist besser
verpflegt - als russische oder polnische Zwangsarbeiter, die auch besonders
gekennzeichnet sein mußten. Wenn sie aus Polen kamen, trugen sie
beispielsweise ein großes "P" oder "Ost", das,
ähnlich dem Judenstern, auf die Kleidung aufgenäht werden mußte.
Das nationalsozialistische Regime vermied es, diese Arbeitskräfte
als Zwangsarbeiter zu bezeichnen, sondern sie wurden in der Behördensprache
als "ausländische Arbeitskräfte" bezeichnet. Oftmals
tauchte in Erlassen nur der Begriff "Ausländer" auf. Viele
Deutsche sahen in ihnen solche Arbeitskräfte wie die Saisonarbeiter,
die sie schon aus der Vorkriegszeit kannten. Die Elendsgestalten, die
in den beiden letzten Kriegsjahren vor allem in den Städten wahrzunehmen
waren oder in den vielen Lagern, in welchen sie eingepfercht waren, nahm
man oftmals nicht zur Kenntnis - oder man verdrängte später
die Erinnerung an sie. Ältere Zeitzeugen verwendeten mir gegenüber
sogar manchmal den Begriff "Gastarbeiter", wenn sie über
diese Menschen sprachen.
1944 waren mehr als ein Drittel aller Arbeitskäfte in der deutschen
Wirtschaft Zwangsarbeiter. Da die meisten Männer zum Kriegsdienst
eingezogen waren, konnte insbesondere auch die Rüstungsproduktion
nur mit Hilfe dieser Arbeitskräfte aufrechterhalten werden. In manchen
Firmen erkannte man durchaus, daß eine einigermaßen gute Behandlung
dieser Menschen den Arbeitsabläufen zugute kam. Zahlreiche nationalsozialistische
Gesetze schränkten dies jedoch ein, denn dahinter steckte die Auffassung,
daß vor allem für die "rassisch minderwertigen" Ostarbeiter
jederzeit "Ersatz" beschafft werden konnte - schließlich
sah der Nationalsozialismus für diese Menschen die "Vernichtung
durch Arbeit" vor - und in den meisten Betrieben gab es - auch noch
in der letzten Phase - genügend überzeugte Nationalsozialisten,
die sich sicher waren, daß sie den Krieg und die "Weltherrschaft"
gewinnen würden.
Was aus den 150 Niederländern im Lintorfer Lager geworden ist, konnte
ich nicht ermitteln, aber sie haben offensichtlich fast alle den Krieg
überlebt. Obwohl ich bei der niederländischen Vereinigung der
Zwangsdeportierten (Stichting Deportatie oktober 1944 Noorden Midden-Limburg)
nachgefragt habe, war es mir nicht möglich, direkte Kontake herzustellen.
Das Thema "Zwangsarbeiter" ist bis heute auch in den Niederlanden
ein brisantes. Nach 1945 wurden viele von ihnen in ihrem eigenen Land
als Kollaborateure behandelt, die zudem noch in den Genuß von Entschädigungen
kamen - im Gegensatz zu Zwangsarbeitern aus Osteuropa, mit denen staatlicherseits
keine Entschädigungsabkommen ausgehandelt wurden. Erst seit den 1980er
Jahren beginnt in den Niederlanden ein Umdenken. Und in der Bundesrepublik
Deutschland sagten im Jahr 1998 mehrere große Industrieunternehmen
zu (z.B. VW), Entschädigungen an die ehemaligen Zwangsarbeiter aus
Osteuropa zu zahlen. Viele von ihnen sind jedoch inzwischen tot.
Quellenhinweise:
1) Fred Cammaert, Sporen die bleven, hg. von Stichting Deportatie oktober
1944 Noord- en Midden-Limburg, Helden 1996, S. 192.
2) Helmut Heiber (HG.), Reichsführer
Briefe an und von Himmler,
Stuttgart 1968, S. 388-390.
3) Ebd., S. 191f. Zum Lager Lintorf vgl. auch Ruth Braun, Das wahre Leben
war es nicht. Displaced Persons und das Lager Lintorf, in: Die Quecke
65/1995, S. 34-62.
Bilder:
Beitrag: 1998 - Quecke 68
Autor: Dr. Erika Münster
E-Mail: ewald.dietz@lintorf-die-quecke.de
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