| Lintorfer Geschichte | |||||||||||||||||||||||||||
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"Essener
Straße 5" - Eine vergessene Adresse in Breitscheid Mit dieser Adresse wissen heute nur noch wenige etwas anzufangen. Obwohl unter ihr einst mehrere hundert Menschen ihr zu Hause hatten. Unter "Essener Straße 5" in Breitscheid befand sich viele Jahre nach dem Krieg, das sogenannte "Essener Lager". Nicht zu verwechseln oder gar zu vergleichen mit dem ehemaligen Ausländerlager in Lintorf an der "Rehhecke". Heute heißt es hier "Am Sondert". Zwar findet man auch heute dort noch einige Baracken, die aber nur noch sehr entfernt an das erinnern, was sich dort nach dem Ende des II. Weltkrieges entwickelte. Nämlich ein Wohnlager, dass vielen ausgebombten Essenern auf Jahrzehnte ein unvergessenes Stück Heimat und Lebensgeschichte wurde. Um aber die Tragweite unserer Geschicht in ihrer Gesamtheit zu erfassen, müssen wir uns erst einmal auf den Weg in Richtung Höseler Bahnhof machen. Denn dort lag im Wald ebenfalls ein Lager, das auch mit zu unserer Geschichte gehört: |
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| Das
Krupplager Wer heute den Waldspielplatz vor dem Höseler Bahnhof aufsucht, wird sich kaum vorstellen können, dass sich genau hier einmal ein großes Barackenlager befand. Das "Krupplager"! 1943 hatte die Fa. Krupp als NSRüstungsbetrieb Order, die Abteilung für Artilleriekonstruktion von Essen in sichere Gebiete zu verlagern. Die Wahl fiel zu erst auf verschiedene Grundstücke in der Gemeinde Hösel. Aus Gründen der Sicherheit erhob der damalige Höseler Bürgermeister Walter Einloos Einspruch. In deren Folge man sich für eine etwa 250 Meter nördlich des Höseler Bahnhofs gelegen Waldparzelle im Besitz der "Freiherrlichen von Fürstenberg´schen Vermögensverwaltung" entschied, und diese auf unbestimmte Zeit pachtete. Der Reichsarbeitdienst errichtete hier für Krupp sieben Baracken aus genormten Bimsbetonelementen (System Fa. Pfleiderer, Wiesbaden) für Konstruktionsbüros, Verwaltung und eine Schlafbaracke, mit einer Gesamtbebauung von 5.600 qm, bzw. Bunkeranlagen zwischen den Baracken. Die Baracken verfügten über Wasseranschlüsse, Toiletten, Waschräume, elektrische Beleuchtung, Fernsprechanschlüsse und wurden mit Kohleöfen beheizt. Die Gesamtfläche des Krupp´schen Lagers umfasste ein Areal von ca. fünf Morgen Hochwald. |
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| Lageplan des Krupplagers an der Höseler Straße | ![]() |
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![]() ![]() Winter im Krupplager: Platzmangel zwangen die Bewohner die Kohlen außerhalb der Baracken zu lagern. |
Nach dem Krieg, im Juli 1945
wurden die Baracken zur Unterbringung eines 200köpfigen deutschen
Minenräumkommandos, und einer etwa gleich großen englischen
Wacheinheit, beschlagnahmt. Deren Aufgabe die Säuberung der Wälder
von umherliegender Munition war. Bei diesen Räumungsaktionen soll
es zu einigen Unfällen mit Todesfolge gekommen sein. |
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| Leben im Krupplager. | ![]() |
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Ja, der Zusammenhalt unter den Bewohnern wurde
als außerordendlich gut bezeichnet. Zumindest bis gegen Ende der
50er Jahre. Also so lange dort nur Leute aus dem Würthemberg - Treck
wohnten. Ende der 50er Jahre zogen dann nicht nur Familien aus Düsseldorf,
Duisburg und Köln zurück in ihre Heimatstädte, sondern
auch einige Essener wieder zurück nach Essen. Ins Krupplager zogen
nun auch vorübergehend Vertriebene aus Schlesien und dem Sudetenland
ein. |
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| Die
Schloemannhallen Wie schon die Firma Krupp, verlegte auch die Fa. Schloemann AG. aus Düsseldorf (Steinstraße) als NS-Rüstungsbetrieb 1942 ihre Konstruktionsabteilungen nach hier. Dazu mietete man nicht nur die komplette Gaststätte "Krummenweg", sondern auch den Saal der Gaststätte "Zur Grenze" an der Krummenweger Straße an. |
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| Darüber hinaus baute man einige Baracken aus Bimsbetonelementen im Umfeld des "Krummenwegs". So entstanden im Wäldchen hinter der heutigen ESSO-Tankstelle zwei Baracken (heute Minigolfplatz) bzw. auf dem gegenüberliegenden, unteren Parkplatz hinter der heutigen BP-Tankstelle die Direktionbaracke gleicher Art, bzw. eine weitere an der Krummenweger Straße hinter der Gaststätte "Zur Grenze", die aber nicht fertig gestellt wurde. | |||||||||||||||||||||||||||
| Die Direktionsbaracke der Fa. Schloemann am Krummenweg | ![]() |
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| Das Konstruktionsbüro im Saale Doerenkamp | ![]() |
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![]() Frau Forstreuter mit vier ihrer Kinder vor der Schloemann - Holzbaracke |
Dazu entstand noch eine Holzbaracke am Waldrand oberhalb der Doerenkamp´schen
Gärten. Sowohl die Gaststätte "Krummenweg" als auch
die Baracken dienten der Unterbringung der Konstruktionbüros, als
auch der Unterbringung der Konstrukteure mit deren Familien. Auch der
Saal der Gaststätte "Zur Grenze" wurde entsprechend umgebaut.
Ca. 340 Leute wurden so untergebracht, und auch vor Ort beköstigt.
Sowohl von der Hotelküche der Gaststätte "Krummenweg",
als auch von einer Notküche auf dem Hof der Gaststätte "Zur
Grenze". Die Schloemannhallen waren also im Gegensatz zu den "Krupp"
oder "Essener-Lager" keine kompakte Lagereinheit. Die Fa. Doerenkamp bot den Bewohnern der Holzbaracke gegen Überlassung ihrer Lebensmittelkarten, eine Vollverpflegung durch die Hotelküche an. Das schien anfangs eine gute Lösung. Doch machte sich bald Unmut über die Qualität des gelieferten Essens breit. Man war der Meinung, dass die Essensqualität bei weitem nicht dem Wert der Lebensmittelkarten entsprach. Außerdem gingen den Familien, besonders den Kindern wichtige Lebensmittel wie Zucker, Mehl, Gemüse und Butter verlustig. Man beantragte beim Kreis Mettmann Kochöfen, welche ihnen nach kurzer Zeit genehmigte und noch vor dem Winter zugestellt wurden. Somit nahm man die Verpflegung wieder in die eigenen Hände. Brennmaterial dazu lieferte der Wald zur Genüge. Voraus gesetzt, man hatte einen Sammelschein von Förster Buse. Interessant ist, dass alle später, die von der "Aachener Siedlungsgesellschaft" errichteten Siedlungshäuser am "Kieferhain" erst als Mieter bezogen, und danach als Eigentümer übernahmen. Und nun zum... |
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Essener
Lager |
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Lageplan des Essener-Lagers an der damaligen Essener Straße in seinen Anfängen.
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Das Lager bestand aus fünf Hohlblockstein- und einer Holzbaracke
bzw. einem Pförtnerhäuschen an der Essener Straße. Es
hatte eine eigene Wasser und Stromversorgung. Das zentrales Dampf-Heizsystem
für die Steinbaracken war durch die zerschlagenen Porzellanheizkörper
zu diesem Zeitpunkt defekt. Einige Baracken waren teilweise unterkellert
und mit einem unterirdischen Tunnelsystem verbunden, durch das auch die
Versorgungsleitungen geführt waren. Die Wände der Räume
waren fugenglatt gemauert, z.T. geweißt, und hatten Steinholzfußböden.
Das Areal auf dem das Lager errichtet wurde, war Eigentum der Familie
Spee von nahen Haus Linnep. Ein Pachtvertrag zur Nutzung durch die OT
kam mit mehr oder weniger politischem Druck zu Stande. Dem zu Folge waren
nur die Aufbauten im Besitz der OT. Eine, nach dem Krieg zu erwartende
vertragliche Neuregelung des Pachtvertrages bzw. Regelung der Gebäudenutzung,
zwischen dem Finanzamt-Nord in Düsseldorf als Verwalterin ehemaliger
Reichs und Staatsvermögen, bzw. Militäreinrichtungen, also auch
Verwalterin der Hallen einerseits, und der Familie von Spee (Grund) und
der Stadt Essen (Bewohner) andererseits, wurde wegen der rechtlichen Komplexität
hinaus geschoben. Schon innerhalb der Essener Stadtverwaltung konnte man
sich zu keiner internen Klärung eines Standpunktes zur Sache durchringen,
weil jede Dienststelle eine andere Ansicht vertrat. Man erwähnte
sogar eine Klärung beim Sozial- oder Innenministerium herbeizuführen.
Dieser juristische Schwebezustand hielt sich nicht weniger als eineinhalb
Jahrzehnte. |
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Die
andere Seite des Lagerlebens: Die Freiheit der Kinder. |
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Die größte
Sorge der Erwachsenen galt den Kinder. Deren Hungeraugen die Eltern zu illegalen,
nächtlichen Hamstertouren trieben. Die Getreide und Zuckerrübenfelder
des Grafen Spee und der umliegenden Bauern waren die Ziele der nächtlichen
KlauExkursionen. In der Pfanne gedünstete Steckrübenscheiben als
Brotbelag z.B. standen als "Arbeiterspeck" hoch im Kurs. Getreide
mahlte man in der Kaffeemühle zu zu einer Art Mehl oder röstete
es in der Pfanne zu Kaffee-Ersatz, (Muckefuck). Klätschiges Maisbrot
mit Mehl bestreut galt als Delikatesse. Unterernährung war Normalität.
Graf Spee vom nahen Schloss Linnep, erkannte einerseits die Not der Lagerbewohner, war aber verständlicherweise verärgert über die angerichteten Schäden auf seinen Feldern. Als Lösung stellte er den Leuten die Waldfläche zwischen dem Lager und der Autobahn zur Verfügung, auf denen sie sich Gärten anlegen konnten. Eine große Herausforderung für die Hobbygärtner. Denn hier mußten nicht nur Bäume gerodet werden, der Boden war auch steinig und wenig ergiebig. Man nannte die Gärten feinsinnig: "Schrebergärten". Dass auch der junge Graf Klemens ein Herz für die Kinder des Lagers hatte, zeigte sich wenn Muttertag anstand. Sie alle erhielten einen Strauß Flieder für die Mutter. Und die alljährliche Frage des Grafen an die Kinder war: "Könnt ihr denn auch ein Liedchen singen?". Man konnte, und sehr gut sogar.... In dieser Zeit großer
Entbehrung fanden sich Leute, die sich die Not der noch Ärmeren zur
Herzenssache machten. Dazu gehörte Frau Fanny Ipach(links), die Ehefrau
des Lagerleiters. Sie kümmerte sich bei spielhaft um die Belange
der Lagerbewohner: Um die gerechte Verteilung der selten eingehenden Hilfsgüter,
sie organisierte Kleidersammlungen für die Bedürftigen des Lagers,
bemühte sich um Hilfe jeder Art in den Gemeinden Breitscheid und
Hösel. Resolut vertrat sie die Interessen der Bewohner gegenüber
der Stadt Essen, später aber auch der Gemeinde Breitscheid, wenn
es z.B., um den dringend notwendigen Telefonanschluß für das
Lager ging. Am 20.01.1947 wurde sie von der Stadt als Schulwartin einsetzt,
und verdiente ganze 1,24 DM die Stunde. Neben der Reinhaltung der Schule
übernahm sie auch die Zubereitung der Schulspeisung. Auf Empfehlung
der Hauptlehrers Thomas, ernannte man sie zur Hausmeisterin mit einem
neuem Arbeitsvertrag, der an einen, sagen wir mal, kleinen Amtseid gebunden
war. Das sie später in den Breitscheider Gemeinderat gewählt
wurde, unterstreicht nur einmal mehr das Vertrauen, dass man in sie setzte.
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| Wichtigste Versogerin
für die Lagerbewohner wurde Frau Anni Marzian mit ihrer kleinen Trinkhalle
oben an der Essener Straße. "Anni" Marzians kleine Trinkhalle 1952 |
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Die bedrückenden Lebensverhältnisse riefen Hilfsorganisationen
auf den Plan. In Verbindung mit der britischen "Rhinearmy",
war es die englische Heilsarmee. Vielen ist da noch Miss Larson gut in
Erinnerung. Miss Larson war Dänin, und wohl von ungewöhnlicher
Schönheit und außerordentlicher Ausstrahlung. Sie war Mitglied
der Heilsarmee in einem höheren Rang. Sie beschaffte den Lagerbewohner
nicht nur Kostbarkeiten wie Trockenei, Brot, Trockenmilch, Streichkäse
in Dosen, Mehl und sonstige Lebensmittel, sie organisierte für die
Kinder und Jugendlichen auch Zelte und Fahrten ins Bergische Land mit
LKW´s der britischen Armee (1949). |
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| Ganz links,
Schwester Adele |
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Man legte Gärten
mit gepflegten Beeten an, pflanzte Hecken und zimmerte Gartentörchen.
Man verließ sich einfach nicht mehr alleine auf die Hilfen von außen
oder gar der Stadt Essen. Man besann sich wieder auf eigene Fähigkeiten.
Wohl ahnend, dass von Seiten ihrer Heimatstadt und auch auch sonst keine
so rasche und gravierende Hilfe zu erwarten war. Wie Recht sie damit hatten,
beweist die Aktenlage aus jener Zeit. Es ist bedrückend, wie gering
dort die Kenntnis über die Bewohner und Lager war. Nicht nur daß
dort z.T. mit Bewohnerzahlen von 700 (statt 180) Essenern gehandelt wurde,
auch schien man mit Lage des Lagers seine Probleme zu haben. Es gab Meinungen
in der Stadtverwaltung, die ernsthaft darüber diskutierten, ob die
Lagerbewohner überhaupt noch Essener wären, oder nicht doch schon
Bürger der Gemeinde Breitscheid. Dies, und noch einiges mehr erklärt
die magere Präsenz und Interesse der Stadt in jener Zeiten an diesem
Lager. Mit besonderer Sorge betrachteten die Essener hier den Alltag der Kinder im Schulalter. Etwa 80 waren das alleine im "Essener Lager". Hinzu kam etwa die gleiche Anzahl aus dem Höseler "Krupplager", und eine nicht geringe Anzahl aus den "Schloemannhallen". Ihnen allen fehlten schon seid vielen Monaten jede schulische Betreuung. Den Vertretern der Stadt Essen, die sich hier ab und an sehen ließen, war der Zustand zwar bekannt, aber eine rasche Abhilfe von dort zeichnete sich nicht ab. Auch der Versuch, die Kinder in der Breitscheider Schule unterzubringen, scheiterte dort nicht nur an Platz und Lehrermangel. Man war grundsätzlich nicht Willens "Kinder aus dem Lager" aufzunehmen, wie man noch heute erzählt. Herr Fritz Majon, Rektor der kath. Kirchengemeinde Hösel, nahm sich als erster der Kinder hier an, und versuchte es mit einem Not-Unterricht im Freien, auf wackligen Luftschutzbänken, ohne Schreibzeug, ohne Klassentafel, und alle Altersgruppen in einem bunten Haufen zusammen gefasst. Auch die Verlegung dieses "Unterrichts" in einen leeren Hallenraum blieb ein hoffnungsloses Unterfangen. Rektor Majon verließ übrigens 1947 die Gemeinde Hösel und wechselte als Pfarrer zur St. Engelbertskirche nach Mülheim a.d.Ruhr.
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| Unterricht im Freien | ![]() |
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Die zwei Klassenräume konnten für die große Kinderzahl
nur ein Anfang sein, und für die ersten Lehrkräfte eine große
Herausforderung. Seiner Nähe zum Wald wegen, nannte man es allgemein
"Waldschule". Die Waldschule wurde erst einmal das Schulzentrum
für die Kinder beider Lager und der Schloemannhallen. Am 14. Januar 1947 begann mit Lehrer Adolf Thomas ein erster geregelter
Schulunterricht. Lehrer Thomas, Vater von zwei Söhnen, konnte schon
damals allerbeste Referenzen vorweisen. Er kam auf Empfehlung des Schulrates
Pohl nach Breitscheid, und erwieß sich als Glücksfall für
die "Waldschule". Keine andere Lehrkraft wird noch heute so
spontan mit der "Waldschule" in einem Atemzug genannt. Er war
es, der sich über Jahre intensiv für "seine Schule"
und "seine Schüler" einsetzte. Hartnäckig vertrat
er deren Interessen gegenüber der Stadt Essen, wenn es um dringend
benötigten Einrichtungen und Anschauungmaterialien für den Schulbetrieb
ging. Oft trat bei solchen Beschaffungen in Vorleistung, z.B. beim Ersatz
für defekter Glühlampen, zerbrochener Fensterscheiben u.a.,
deren Bewilligungen sich oft über Wochen ja Monate hinzogen. 1948
z.B. beantragte er mehrfach Hartfaserplatten aus denen er Wandtafeln fertigen
wollte. Auch beklagt er die Nichtfertigstellung der Schülertoilette,
die sich schon über Jahre hinzog. (Die Kinder mußten für
ihre Notdurft in Ermangelung einer Toilette den angrenzenden Wald aufsuchen.)
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| Ein Schulhof entsteht in Eigenleistung | ![]() |
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| Lehrer Thomas kam täglich
mit dem Zug aus Essen Stadtwald nach hier. Mußte, bedingt durch die
noch zerstörten Ruhrbrücke in Kettwig, mit der Ruderfähre
übersetzen, und für eine Fahrt viermal umsteigen. Vom Höseler Bahnhof aus, lief er bei Wind und Wetter zu Fuß nach hier. Häufig schlossen sich ihm die Kinder des am Wege liegenden "Krupplagers" an und die Kinder des "Essener Lagers" liefen ihm entgegen. |
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| Lehrer Thomas
mit seinen Schülern vor der "Villa Hügel" |
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| Älteste
bekannte Aufnahme mit Lehrer Thomas |
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Das Kollegium v. l. :Lehrer Fredy, Lehrer Marquard, Frau Mohnheim unbek. Junglehrer. |
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Noch heute schwärmen seine Exschüler von seinen gut organisierten
Fahrten in die nähere Umgebung und Schulfesten auf dem Schulhof,
oder auf der "Wandervogelwiese" im Wald. Schülerbelegung
in den ersten Jahren: |
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Es war die Zeit der Schulspeisung. Die noch intakte
OT-Großküche sollte sich auf Jahre hier bewähren. Frau
Ipach, und später Frau Anni Marzian betrieben diese Schulküche
solange die Schulspeisung aktuell war. Auf dem Speiseplan standen Köstlichkeiten
wie Schokoladen und Bisquitsuppe. Aber auch die vielfach verwünschte
Erbsensuppe, die noch heute manchem Exschüler eine Gänsehaut
bescheren dürfte. Doch in Zeiten der Not, hatte das Sprichwort:
"Hunger treibts hinein!", hohen Wahrheitgehalt. Schülerbelegung: 1948 erweiterte Lehrer Ernst Schulz das Kollegium. Er kam als Flüchtling von Ostpreußen, über Kiel, wo man ihm das Amt eines Religionslehrers anbot, nach hier. Er bewarb sich bei der Stadt Essen, die ihm zwei Lehrerstellen anbot. Eine davon war die "Waldschule" in Breitscheid, für die er sich letztlich entschied. Weil "Waldschule" ein bisschen romantisch nach Heimat klang. Anfangs lebte er alleine im kleinen Lehrerzimmer, wo er von den Kindergärtnerinnen aus der Schulspeisung verpflegt wurde. |
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| Das um die Lehrerwohnung verlängere Schulhalle. | ![]() |
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| Auch später wohnte er mit seiner nachgekommenen Familie eine Zeitlang im erwähnten Lehrerzimmer. Den Lehrerzuwachs nahm die Stadt Essen zum Anlass, die Schulhalle so zu verlängern, dass ein vierter Klassenraum, und eine Lehrerwohnung für die Familie Schultz entstanden. Die Baumaßnahmen wurden aus Kostengründen in Eigenleistung durchgeführt. Das Baumaterial stellte die Stadt Essen zur Verfügung | |||||||||||||||||||||||||||
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Selbst die Familie Schultz half beim Bau der Lehrerwohnung |
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![]() Lehrer Ernst Schultz |
Auch Lehrer Schulz spielte Geige. Wohl mit mehr mäßigem Erfolg. Dafür ist manchem ehemaligen Schüler dessen "Handschrift" noch in guter Erinnerung. Von der er reichlich Gebrauch gemacht haben soll. Lehrer Schulz galt als guter Lehrer, aber auch als Lehrer alter preußischer Prägung. | ||||||||||||||||||||||||||
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Schulentlassung 1951 mit dem Kollegium. (2. v. links Lehrer Thomas) |
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Frau Ortrud Höhne (geb. Tetzlaff), gehörte
an einigen Wochentagen ebenfalls zum Lehrkörper. Sie brachte den
Mädchen im Fach "Handarbeit" die Feinheiten dieser Materie
nahe. Sie opferte viel ihrer persönlichen Freizeit, und unterwies
die Mädchen auch an Nachmittagen in textiler Gestaltung. Dann gab es noch einen Lehrer Friedrich Weck. Er galt als kinderfreundlicher
Lehrer, der jedoch durch die Folgen eines dummen Unfalls beim Ballspiel
auf dem Schulhof, zeitlebens Probleme hatte. Lehrer Weck ging später
an die Realschule in Ratingen. Wie schon erwähnt, besuchten die Kinder des "Essener"
und des "Krupplagers", bzw. der Schloemannhallen die Waldschule.
Hinzu kamen später noch Kinder vom Breitscheider Kiefernhain bzw.
einige von der Kölner Straße, denen der Weg zur Breitscheider
Schule zu weit war. Diese große Kinderzahl erklärt auch die
Erweiterung der Waldschule um einen vierten Klassenraum, so dass in jedem
Raum nun zwei Altersklassen unterrichtet wurden. Die Klassen waren mit
durchschnittlich 40 bis 50 Kinder belegt. Lehrer Klotz gibt einige seiner
Klassen mit bis zu 65(!) Schülern an. Auch die Gesamtbelegung der
Waldschule zu seiner Zeit mit durchschnittlich 150 180 Kinder anzugeben,
wäre durchaus realistisch. |
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| Ein weiteres Problem,
war die Betreuung der Kleinkinder. Da auch hier von den umliegenden Kommunen
keine Hilfe zu erwarten war, suchte man nach eigenen Lösungen. So organisierte
schon 1949 die AWO-Essen mit der Unterstützung von Lehrer Thomas hier
den teilweisen Ausbau der Halle II. zum Kindergarten, incl. der kindgerechten
Ausgestaltung der Räume. So entstand ein Kindergarten, den noch heute
viele als geradezu paradiesisch beschreiben. Der Kindergarten lag direkt
am Waldrand, im Schatten riesiger Buchen. Zwar beschränkte sich die Außenanlage nur auf einen Sandkasten und ein paar ein paar Bänke, so vollbrachten die Kindergärtnerinnen mit viel Phantasie und einfallsreichen Spielen kleine Wunder. Das Einzugsgebiet des Kindergartens entsprach dem der Waldschule. Also Krupplager, Schloemannhallen und Teile Breitscheids. So besuchten z.B. auch die Kinder der Familien Flocken und Doerenkamp zeitweise diesen Kindergarten. Erste Kindergärtnerin war Frau Halfpath aus Kettwig. Frau Halfpath nahm jeden Morgen vom Bahnhof Hösel kommend, die Kinder des Krupplagers an ein Seil führend mit zum Kindergarten. Zu den Betreuerinnen gehörten später u.a. auch Frau Krug, Frau Neudack und vor allem Fräulein Fink (die spätere Frau Dreydemy). |
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| Noch heute schwärmen
Beteiligte von wunderbaren Spielnachmittagen und Kindergartenfesten zu denen
Frl. Fink das Akkordeon spielte. Viele Bewohner des Lagers liefen als Zaungäste
zusammen. Die Anzahl der Kinder wurde mit durchschnittlich 40 angegeben.
1963 übernahm die AWO-Hösel den Kindergarten und übergab
diesen später der evangelischen Kichengemeinde Linnep zur Betreuung.
Das monatliche Gehalt einer Kindergartenhelferin betrug seinerzeit ganze
161,30 DM. In eben erwähnter Halle II, befand sich ein großer Raum mit ca. 200 qm Grundfläche, kurz "Saal" genannt. Er wurde wenn man so will, multikulturell genutzt. Nach Todt´schen Plänen war er als Versammlungsraum, und nach den kleinen Schaulöchern in der Hinterwand zu urteilen, auch als Kino geplant. Die EssenerZeit erlebte ihn sonntags als katholische Kirche. Pastor Schäfer aus Selbeck las hier jeden Sonntag um 10,00 Uhr die Hl. Messe. Frau Schulz richtete dazu (unentgeltlich) den Saal her. D.h. den Altar, die Bänke und wenn nötig, setzte sie auch die großen Kanonenöfen in Gang. Sie war sich auch nicht zu schade, frisches Grün aus dem Wald zu holen oder für den Altarschmuck Blumen in der Nachbarschaft zu sammeln. Ihr Mann, Lehrer Schulz begleitete auf einem alten Harmonium die Kirchenlieder. Anfangs mußten die Katholiken des Lagers entweder nach Hösel zur Kirche laufen, oder die winzige Schlosskapelle im Schloss Linnep besuchen. Man erzählt sich, dass bei den ersten Gottesdiensten dort, der ehrwürdige Graf von Spee (Der Vater des heutigen Grafen Klemens ), manchmal als Messdiener fungierte! Den man doch sonst nur in Jägermontur, mit seinen zwei Hunden und geschultertem Jagdgewehr durch die Wälder streifend, kannte. Nachdem die Familie Schulz an den "Bruch" verzogen war, übernahm Herr Schwertfeger aus Breitscheid diese Aufgabe. Trotz einer schweren körperlichen Behinderung. Die evangelischen Lagerbewohner waren da schlechter dran. Um einem Gottesdienst beizuwohnen, mußten sie den langen Weg bis zur Linepper Kirche auf sich nehmen. Zwar gab es quer durch den Wald einen abkürzenden Schleichweg, der aber für sonntägliche Kirchgänge weniger geeignet war. Standen Konfirmationen an, war das im Vorfeld für die Lagerkinder mit einem noch längeren Weg verbunden. Pastor Klein, hielt sich da nämlich wörtlich an den Bibelspruch: "Lasset die Kindlein zu mir kommen!". Also ließ er die Kinder, auch bei klirrender Kälte, bis hinter den Linneper Friedhof laufen, wo er sie in der eiskalten Leichenhalle in die Geheimnisse der Konfirmation unterwies. Man erinnert sich auch, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne christlich-rustikale Ohrfeigen in Serie austeilte, dabei keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen machte. Die Konfirmationen selbst wurden sehr feierlich in der alten Linneper Kirche begangen. Unter der erfahrenen Aufsicht von Schwester Adele. Nachfolger von Pastor Klein wurde Pastor Schreiber |
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| Konfirmationsgruppen vor der Linneper Kirche | ![]() |
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| Die katholischen Kinder
waren da besser dran. Sie erhielten in der Schule den Kommunionunterricht.
Die Kummunionsfeier selbst fanden unter Pastor Schäfer in Selbeck statt.
Bei Beisetzungen gab es folgende Regelung: Evangelische Beisetzungen fanden
auf dem Linepper Friedhof, und katholische auf dem Friedhof in Selbeck statt. Oben genannter Saal wurde hin und wieder auch zum Kino. Fernsehen war ja noch unbekannt! Ein Wanderkino kam alle paar Wochen und erfreute die Lagerinsassen mit Ganghoferfilmen mit Hansi Knotek oder den bekannten UfaStars. Beliebt waren natürlich die amerikanischen Cowboyfilme mit William Boyd oder Ken Meynard und seinem Wunderpferd Tarzan. Der Saal hatte eine Bühne, die vielfach der Schauplatz von Laienspielveranstaltungen und Elternabende der Schulkinder bzw. der Jugendlichen war. Der Wert dieses Saales ist heute im Zeitalter weltweiter Fernseh- und Telekommunikation überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. |
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| Pfadfinder Und in diesem Saal wurde auch eine sehr bemerkenswerte Geschichte geschrieben: In dem kleinen Garderobenraum links neben der Bühne, hatte eine Jungendgruppe ihr zu Hause, die wie keine andere Institution das Leben der Jungen hier geprägte. Es war eine Pfadfindergruppe im überkonfessionellen "Bund Deutscher Pfadfinder" (BDP). Im Oktober 1948 wurde diese Gruppe gegründet. Ein Willi Plewnia aus Ratingen brachte den Geist eines "Baden Powell" in das "Essener Lager". "Willusch", wie man ihn nannte, wurde zum Synonym für Kameradschaft, Gemeinsinn und Aufrichtigkeit. Er prägte nicht nur die Grundeinstellung der Jungen in den Anfängen, sondern auch die Jungen späterer Generationen. Seinen pädagogischen Einfluss mag man daran erkennen, dass selbst in der Schule "Willuschs" Einfluss spürbar war. Betrug sich ein Junge dort ungebührlich, hieß es: "Dat sach ich dem Willusch". Karl May Bücher war damals "in". Man nannte sich in Anlehnung an die Karl-May-Geschichten "Stamm Delawaren" der sich in 3-4 Sippen unterteilte. Im allgegenwärtigen Wald lebte man mit Kothen, Seilen, Lagerfeuern, und selbst gefertigten Indianertrachten Karl May und Winnetou nach. Es wurde eine hochaktive Gruppe, die auch durch ihren Gesang weit bekannt wurde. Sie belegte bei einem Singwettbewerb in einem Landesmarklager bei Leverkusen mit einigen hundert Pfadfindern einen eindrucksvollen 2. Platz. Auch ihre Elternabende, die man zusammen mit dem o.a. "Schwalben" gestaltete, füllten den Saal bis auf den letzten Platz. Die schwungvollen Veranstaltungen fanden selbst in der kommunalen Presse einen bewundernden Widerhall (mit Foto). Die "Delawaren" rekrutierten sich nach einigen Jahren längst nicht mehr nur auch Jungen des "Essener Lagers". Auch Jungen aus dem "Krupplager", den "Schloemannhallen", ja selbst aus Breitscheid und Lintorf fanden den Weg auf Jahre in diese Gruppe! |
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| Hoher Besuch
aus Amerika. Colonell Wilson (re. mi.) |
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1950, hoher Besuch! Colonell
Wilson, oberster Chef der Weltpfadfinderbewegung, fand den Weg von Amerika
nach hier! Ein Riesenerlebnis und Bestätigung für die Jungen!
Kaum ein Wochenende an dem man zu Hause war. Man zog nicht nur in Jugendherbergen,
sondern übernachtete in den Wäldern. In den Ferien ging es per
Fahrrad oder per Anhalter durch Skandinavien, die BeneluxLänder bis
hinunter nach Sizilien. Absoluter Höhepunkt der "Delawaren"
aber war unter ihrem Stammführer Ewald Dietz 1961 der Kontakt, zu
einer englischen Pfadfindergruppe in Chiswick bei London. Deren Besuch
nicht nur in Breitscheid großes Aufsehen erregte. Mit mehr als 40
Personen schlugen die Engländer am Breitscheider Kiefernhain für
vier Wochen ein Zeltlager auf, um Land und Leute kennen zulernen. Ein
Jahr später erfolgte der Gegenbesuch nach Chiswick. Die Begrüßung
durch den Bürgermeister mit Goldkette, Besuche Londons, des Buckingham
Palastes, Schloß Windsor u.v.a. blieben den Jungen ein unvergessliches
Erlebnis. Noch heute, nach mehr als 40 Jahren, gibt es Kontakte zwischen
einigen, in die Jahre gekommen Pfadfinder beider Gruppen. |
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| Badefreuden | |||||||||||||||||||||||||||
| Badefreuden im Freibad Krummenweg | ![]() |
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| Aber, hier wurde auch
wieder diese Abneigung gegen alles was mit "dem Lager" zu tun
hatte spürbar.Es war jenes Vorurteil, dass man überall zu spüren
bekam. Die Jugendlichen in den weiterführenden Schulen ebenso, wie
die Erwachsenen im Beruf, auf der Straße, im Geschäft oder sonst
wo. Bemerkungen wie " ...wohnt im Lager..." trafen sie tief. Freundschaften
gingen zu Bruch bevor sie begannen. R.D. zum Beispiel erzählte, dass
sie sich in ihrer Lehre in Golzheim mit einem Mädchen angefreundet,
und diese an einem Sonntag zu sich eingeladen habe, um ihr, ihr schönes
zu Hause und den schönen Wald zu zeigen. Das Mädchen traf nie
ein. Es habe, so erfuhr sie später, beim Anblick der Baracken kehrt
gemacht, und es wurde auch später nie wieder darüber gesprochen.
Es war das Ende einer kleinen Freundschaft.... G.F. versagte man in einem
Höseler Hotelbetrieb im letzten Moment die Lehrstelle mit dem Hinweis,
dass man den Gästen eine Betreuung durch eine Person aus einem Lager
nicht zumuten könne. S.P. verpasste aus gleichem Grunde eine Arbeitsstelle
usw. Nahezu jeder ehemalige Lagerbewohner könnte solche Geschichten
erzählen. Also vermied man es "draußen" tunlichst etwas
über sein zu Hause zu erzählen. P.E. erinnert sich, dass er sich
Jahre nicht getraut habe, seinen Arbeits und Sportkollegen zu erzählen,
dass er im "Essener Lager" zu Hause sei. Aus Angst vor verletzenden
Bemerkungen und Ausgrenzung. Dabei war schiere Unkenntnis die Wurzel dieser
Vorurteile. Zugegeben, für Außenstehende präsentierten sich die Barackengebäude mit ihren unverputzten Außenwänden wenig ansprechend. Da hatte man flott den Vergleich zum Lintorfer Ausländerlager an der Rehhecke zur Hand. Obwohl man von beiden Lager eigentlich so gut wie nichts wußte. Aber solche Vorurteile hielten sich hartnäckig. Es wäre nun falsch anzunehmen, die Bewohner des "Essener Lagers" hätten sich als eine Art schicksalgebeutelte Gemeinschaft empfunden. Das nicht. Nur das Leben hier hatte sie in einer ganz besonderen Weise geprägt: Es gab Mütter, die sich alleine mit ihren Kindern über Jahre durchschlagen mußten, und diese trotzdem zu guten Bürgern unserer Gesellschaft erzogen. Oder Persönlichkeiten die noch gut in Erinnerung sind: Wie z.B. diesen Herrn Geuting. Ein "Pönterer". Der trotz einer Gehbehinderung es fertigbrachte, jedes defekte Auto oder Motorrad wieder in Gang zu bringen. Auch diesen winzigen Nachkriegs-Kleinwagen, einen "Schnittger F125" mit einem 6 PS. Mit einem Einzylindermotor ohne Rückwärtsgang. |
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Da gab es den Gerd Zimmermann.
Der neben seiner schweren beruflichen Tätigkeit, viele Jahre eine Ratinger
Rollstuhlfahrergruppe als Sportleiter betreute. Oder Herr Berens. Dessen
Augen, trotz starker Brille, viel von seiner Willens und Charakterstärke
verrieten. In Halle V wohnte Werner Nierhaus mit seiner zierlichen Frau.
Ein kleiner, etwas verwachsener Mann und Kunstmaler. Seine liebevoll gemalten
naturalistischen Werke hängen noch heute in einigen Wohnstuben. Da
er und seine Frau wohl nur vom Verkauf seiner Bilder lebten, ging es ihnen
zeitlebens mehr schlecht als recht. Horst Neske. Der sich schon in jungen Jahren für eine Zukunft in Amerika entschied, und dort zu beachtlichem Wohlstand kam. Da war Franz Vokurka. Ein großer Junge mit einem Herzen für die Jugend und "seine Pfadfinder". Als gebürtiger Tscheche war er durch jugendlichen Leichtsinn in die Mühlsteine der Ost/Westpolitik geraten, und hier gestrandet. Seine Strafe dafür war, zeitlebens von seinen in Prag lebenden Frau und Kinder getrennt leben zu müssen. Aber hier fand er wieder ein kleines Glück. Eine liebe Familie und viele Freunde. Manchmal malte er. Wenn er seine Guitarre nahm, und die traurigen Lieder aus seiner Heimat sang, konnten einem die Tränen kommen. Übrigens sein bewilligter Antrag Deutscher zu werden, wurde ihm erst nach Jahren zugestellt. Zwei Wochen nach seinem Tod. Franz Vokurka ruht auf dem Linneper Friedhof.... |
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| Und dann gab es da noch
Frau Anni Marzian. Die um 1950 herum, oben an der Essener Straße eine
kleine Trinkhalle errichtete. Zwar beschränkte sich ihr Angebot anfangs
nur auf Bonbons, Zigaretten, Getränke, Langnese-Eis und Schulkram für
die Kinder, so erweiterte sich ihr Angebot nach dem Ausbau ihres kleinen
Geschäftes ganz erheblich. Denn nun gab es hier Brüh-, Curry-
und Bratwurst der Extraklasse. Auf Qualität legte Frau Marzian größten
Wert. Bratwurst z.B. bezog sie nur von Lintorfer und Tiefenbroicher Metzgern.
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass ihre Currywurst weit bekannt
war. LKW-Fahrer hielten hier in langen Schlangen zur Mittagspause an, und
trugen den Ruhm von "Annis-Currywurst" durch die Lande. Das Straßenbankett
wurde von den LKW´s natürlich regelmäßig kurz und
klein gefahren. Sehr zum Ärger des Straßenbauamtes. Deren Arbeiter
zum Ausbessern aber nicht ungernkamen. Denn es war für sie doch die Gelegenheit, hier eine leckere Curry- oder Bratwurst mit Pommes zu konsumieren. Auch sie gehörten natürlich längst zu Annis Fan-Gemeinde. Einmal die Woche machte "Anni" Eintopf. Ein Tag, an dem viele Herde im Lager kalt blieben. Frau Marzians Büdchen war so etwas wie eine Institution. Hier traf man sich zu den Mittagspausen oder abends auf den Bänken zu einem Bier und Gesprächen. Frau Marzian zog am 1. Mai 1972 zu Ihrer Tochter Renate nach Ratingen-Tiefenbroich. Damit verlor das "Essener Lager" ein Stück seiner Indentität. Vor allem nach außen. Frau Marzian starb 87jährig am 29. Januar 1997 im Ratinger "Haus Salem". Sie ruht auf dem Tiefenbroicher Friedhof. |
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| kurz vor dem Ende des "Büdchens" | ![]() |
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| Es war nun Zeit, in
der sich das Ende des "Essener Lager" anbahnte. Denn auch die
einst tragenden Institutionen wie die Saalkirche und der Kindergarten hatten
mangels Bedarf ihren Dienst eingestellt. Hinzu kam, dass im Rahmen der großen
Schulreform, auch die Waldschule am 31. August 1968, nach 21 Jahren ihren
Dienst einstellte. Zusammen mit den Kindern der ebenfalls aufgelösten
alten Breitscheider und der Linneper Schulen, gingen nun auch die Kinder
der Waldschule, nach Konfessionen getrennt, in die neu entstandene "Matthias-Claudius-Schule"
am Mintarder Weg. Eigentlich schon Mitte der 60er Jahre begann der stete Exodus der alten Lagerbewohner. Ursache war mit, ein von der Stadt Essen ergangenes, befristetes Umzugsangebot an die Essener hier, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Die Umzugskosten hätte die Stadt getragen. Aber, nur wenige Essener nahmen dieses Angebot wahr. Denn man hatte über die Jahre auch die Wohn- und Lebensqualität der umliegenden Kommunen schätzen gelernt. So zog es einige nach Mülheim, Lintorf oder Hösel. Viele blieben in Breitscheid. Beliebte Adressen wurden hier der "Kiefernhain", "Am Bruch" und die "Flurstraße". In der letzten Auszugsphase wies man den Essenern Wohnungen im Spee´schen Neubauprojekt "An der Horst" zu. Es war, wenn man so will, der letzte Auflösungsprozess des "Essener Lagers". Welches mit dem Auszug der letzten Essenern auch seinen bezugnehmenden Namen verlor. Die leer stehenden Wohnungen wurden nun z.T. mit Nichtseßhaften und sozialen Problempersonen aus dem kommunalen Umfeld belegt. Der Niedergang in und an den Hallen, im Miteinander der Menschen war unverkennbar. Dieser Zustand währte gut zehn Jahre, bis man auch diese Lagerbewohner in stadteigene Wohn und Notquartiere, wie am Tiefenbroicher Gratenpoet bzw. am Ratinger Westbahnhof unterbrachte. 1975, mit der kommunalen Gebietsreform, wurde Ratingen die Rechtsnachfolgerin des "Amtes Angerland". Sie ließ sofort drei Baracken niederlegen: Die Holzbaracke, die Schulbaracke und die Baracke in der die Kirche, der Kindergarten und die Pfadfinder einst ihr zu Hause hatten. Die restlichen drei Baracken gerieten erst einmal eine Zeit in Vergessenheit. Erst Presseberichte, über Baracken in Breitscheid, in denen Asylantenquartiere eingerichtet werden sollten, ließ die Öffentlichkeit aufhorchen. Denn Asylanten waren das Reizthema! Gegen die Unterbringung solcher Leute in und an Wohngebieten, wehrte man sich vehement. Da boten sich diese Baracken zwischen Autobahn und Waldrand geradezu an. Die Einquartierung der Asylanten hier, betrachtete man als beste aller möglichen Lösungen. Bis heute.... |
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| Das
Ende Heute erinnert dort so gut wie nichts mehr an das Lager der Essener. Auch die ehemalige "Essener Straße" wurde inzwischen umbenannt in "Am Sondert". Der Zeitpunkt der Umbenennung mag Zufall gewesen sein. Aber für die ehemaligen Essener hatte das etwas Symbolisches. Der alte Straßenname verschwand fast zeitgleich mit den letzten Exodus der Essenern hier. Und mit ihnen verschwand die tausendfach benutzte Adresse "Essener Straße 5" für immer . Heute steht die Adresse "Am Sondert" synonym für Menschen 2. Klasse. Fremd und anrüchig. Und mit Kopfschütteln nimmt man heute zur Kenntnis, dass für die Unterbringung der heutigen Bewohner, mit einigen Hunderttausenderbeträgen die Baracken mit Außenputz, festen Fenstern, Fensterläden, Türen und sogar Badezimmern(!) ausgestattet wurden. Woran man in den fast dreißig Essener Jahren nie einen Gedanken verschwendet hatte. |
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| Spurensuche Vor einigen Wochen machten meine Frau ich uns dort noch einmal auf Spurensuche nach der Vergangenheit. Der Wald hatte sich fast alles zurückgeholt. Das heißt, eine kleine Ecke des Kindergartensandkastens fanden wir noch, und ein paar Fundamentenreste der Saalbaracke. Nur mit Phantasie war zu rekonstruieren, wo einst die Schule, oder Anni Marzians Trinkhalle stand. Namen fielen uns wieder ein. Namen Essener Familien, die hier Jahrzehnte gelebt hatten. Jahre, von denen heute mancher meint, dass sie so nicht hätten sein müssen. Nein, schlecht war es nicht. Aber, man hätte manches leichter machen können. Und nun hat jeder von ihnen so seine Erinnerungen an seine "Essener Lager" Zeit. Erinnerungen, die sie heute nicht mehr missen wollen. Und die, die so gesehen, im Nachhinein, vielleicht sogar ein bisschen stolz machen. |
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Ich bitte um Nachsicht wenn hier nicht aller Facetten des Lagers, der Ereignisse und Schicksale gedacht wurde. Meine Absicht war es, die Geschichte der beiden Lager und seiner Bewohner vor dem Vergessen zu bewahren. Diese Geschichte ist auch Teil meiner eigenen und deshalb ein bischen subjektiv zu bewerten. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Allen, die mir bei der Recherche behilflich
waren: |
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I Beitrag: 16.06.2006 |
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