Lintorfer Geschichte
   
 
 
  Übersicht
 


    Essener Str.
 


     Druckversion
 

"Essener Straße 5" - Eine vergessene Adresse in Breitscheid
Mit dieser Adresse wissen heute nur noch wenige etwas anzufangen. Obwohl unter ihr einst mehrere hundert Menschen ihr zu Hause hatten. Unter "Essener Straße 5" in Breitscheid befand sich viele Jahre nach dem Krieg, das sogenannte "Essener Lager". Nicht zu verwechseln oder gar zu vergleichen mit dem ehemaligen Ausländerlager in Lintorf an der "Rehhecke". Heute heißt es hier "Am Sondert". Zwar findet man auch heute dort noch einige Baracken, die aber nur noch sehr entfernt an das erinnern, was sich dort nach dem Ende des II. Weltkrieges entwickelte. Nämlich ein Wohnlager, dass vielen ausgebombten Essenern auf Jahrzehnte ein unvergessenes Stück Heimat und Lebensgeschichte wurde. Um aber die Tragweite unserer Geschicht in ihrer Gesamtheit zu erfassen, müssen wir uns erst einmal auf den Weg in Richtung Höseler Bahnhof machen. Denn dort lag im Wald ebenfalls ein Lager, das auch mit zu unserer Geschichte gehört:

Das Krupplager
Wer heute den Waldspielplatz vor dem Höseler Bahnhof aufsucht, wird sich kaum vorstellen können, dass sich genau hier einmal ein großes Barackenlager befand. Das "Krupplager"! 1943 hatte die Fa. Krupp als NSRüstungsbetrieb Order, die Abteilung für Artilleriekonstruktion von Essen in sichere Gebiete zu verlagern. Die Wahl fiel zu erst auf verschiedene Grundstücke in der Gemeinde Hösel. Aus Gründen der Sicherheit erhob der damalige Höseler Bürgermeister Walter Einloos Einspruch. In deren Folge man sich für eine etwa 250 Meter nördlich des Höseler Bahnhofs gelegen Waldparzelle im Besitz der "Freiherrlichen von Fürstenberg´schen Vermögensverwaltung" entschied, und diese auf unbestimmte Zeit pachtete. Der Reichsarbeitdienst errichtete hier für Krupp sieben Baracken aus genormten Bimsbetonelementen (System Fa. Pfleiderer, Wiesbaden) für Konstruktionsbüros, Verwaltung und eine Schlafbaracke, mit einer Gesamtbebauung von 5.600 qm, bzw. Bunkeranlagen zwischen den Baracken. Die Baracken verfügten über Wasseranschlüsse, Toiletten, Waschräume, elektrische Beleuchtung, Fernsprechanschlüsse und wurden mit Kohleöfen beheizt. Die Gesamtfläche des Krupp´schen Lagers umfasste ein Areal von ca. fünf Morgen Hochwald.

Lageplan des Krupplagers an der Höseler Straße


Nach dem Krieg, im Juli 1945 wurden die Baracken zur Unterbringung eines 200köpfigen deutschen Minenräumkommandos, und einer etwa gleich großen englischen Wacheinheit, beschlagnahmt. Deren Aufgabe die Säuberung der Wälder von umherliegender Munition war. Bei diesen Räumungsaktionen soll es zu einigen Unfällen mit Todesfolge gekommen sein.
Spätere Überlegungen der Friedrich Krupp AG, die Baracken zu Wohnungen für Werksangehörige, oder als Ausweichstelle des Essener Krankenhauses umzubauen, erledigten sich mit einem Erlass der englischen Militärregierung an Krupp: "... die z.Z. nicht benutzten Baracken ausschließlich Obdachlosen zur Verfügung zu stellen". Die Stadt Essen folgte diesem Erlass angesichts ihrer Obdachlosenprobleme nur zu gerne, und verfügte darauf hin nicht nur die Einweisung der Obdachlosen aus den (elf) städtischen Hochbunkern (z.B. den Helenen und Freiheitsbunker), sondern auch der ExEvakuierten aus Würthemberg in das Krupp´sche Lager in Hösel. Die ja dort schon seit Wochen in Güterwagons hausten. Ziel des Güterzug war ein Nebengleis auf dem Höseler Bahnhof. Vor hier erfolgte am 1. Juli 1946 die Einweisungen der ca. 200 Obdachlosen in das ehemalige Krupplager. Unter ihnen befanden sich auch einige Familien aus Düsseldorf, Duisburg und Köln, die ebenfalls nach Würthemberg evakuiert waren, und mit dem Essener Treck über Essen, hier in Hösel gestrandet waren.


Dies geschah offensichtlich ohne Wissen, und sehr zur Verärgerung der "Fürstenbergischen Vermögensverwaltung" als Besitzerin der Waldparzelle. Die darin einen "widerrechtlichen Gebrauch unseres Waldes" sah. Was sie selbst allerdings nicht hinderte, schon mal "vorsorglich" mit der Stadt Düsseldorf in Verhandlung zu treten, die hier ein Kinderheim zu errichten gedachte.
Wie sich heraus stellte, litten mehr als die Hälfte der eingewiesenen Obdachlosen durch die mehrwöchige, zugige Fahrt von Würthemberg nach hier, und den Aufenthalt in Essen, an fiebrige Erkrankungen. Im Höseler "BethesdaKrankenhaus" (Diakonie) erfuhren sie unter Dr. Specht spontane Hilfe und medizinische Betreuung.

Die Baracken waren, so wie man sie vorfand als Wohnquartiere gänzlich ungeeignet. Bis auf die ehemalige Verwaltungsbaracke, fehlten allen anderen die Unterteilungswände und Türen, der Halle V sogar der Fußboden, in der noch einige Maschinen aus Kruppscher Zeit gestanden haben sollen.

 

 

Winter im Krupplager.

Platzmangel zwangen die Bewohner die Kohlen

außerhalb der Baracken zu lagern.

 

 Als erste Hilfe stellte man ihnen  mehrstöckige Feldbetten und Wehrmachtsdecken zur Verfügung. Mit Letzteren unter-teilte man auch die Barackenhallen in kleine Privatbereiche für die einzelnen Familien. Da die Stadt Essen zu diesem Zeitpunkt, also gut ein Jahr nach dem Krieg, noch nicht in der Lage war ausreichende, und vor allem schnelle Hilfe zu leisten, stellte sie den Zugezogenen immerhin Bau-material zur Verfügung, mit denen diese in Eigenleistung Trennwände, sich so etwas wie Wohnungen schaffen konnten. Es bürgerten sich die Namen "Krupp-" oder "Waldlager ein. Die Adresse war: Höseler Straße 3.

 

Man arrangierte sich schnell mit dieser Situation. Auch mangelte es nicht an geistiger Betreuung. Rektor Majon aus Hösel hielt, solange er in Hösel im Amt war (ca. 1 Jahr), in der Halle III bescheidene, aber regelmäßige Gottesdienste ab. Rückblickend ist man sogar der Meinung, dass in den ersten Jahren, den Umständen entsprechend einfache, aber geordnete Verhältnisse herrschten.

  Leben im Krupplager.

Ja, der Zusammenhalt unter den Bewohnern wurde als außerordendlich gut bezeichnet. Zumindest bis gegen Ende der 50er Jahre. Also so lange dort nur Leute aus dem Würthemberg - Treck wohnten. Ende der 50er Jahre zogen dann nicht nur Familien aus Düsseldorf, Duisburg und Köln zurück in ihre Heimatstädte, sondern auch einige Essener wieder zurück nach Essen.

Ins Krupplager zogen nun auch vorübergehend Vertriebene aus Schlesien und dem Sudetenland ein.

Als man Anfang der 60er Jahre anfing, leergewordene Wohnungen auch mit sozialschwachen Personen und Familien zu belegen, geriet das bis dahin soziale Gleichgewicht aus dem Lot, in deren Folge sich schlimme Zustände einschlichen und dem "Waldlager" einen ziemlich anrüchigen Ruf bescherte.
Lehrer Thomas, Hauplehrer an der zuständigen Waldschule beschreibt in einem Brief an die Stadt Essen die Zustände hier als "besonders traurig". Denn gerade die Kinder hier wären schlimmen, sittlichen Belastungen ausgesetzt.
Mit zur Rufschädigung beigetragen hat sicher auch der über 100m lange, unbeleuchtete und alle Baracken verbindende Holzgang. Dessen Eingang sich von der Straße her als unheimliches und düsteres Loch präsentierte. Der manchen Außemstehende davon abhielt, den Gang auch nur zu betreten. So blieben auch Besuche von außen eher eine Seltenheit.
Das "Waldlager" stand von Beginn an, wie schon das "Essener Lager!" vorher unter Essener Betreuung. Die Stadtverwaltung wie auch das Amt Angerland später, hatten in der ehemaligen Verwaltungshalle vorne links einen kleinen Raum, den man sporadisch als Büro nutzte. Diesem Raum gegenüber gabs einen kleinen Einkaufsladen mit wechselnden Betreibern.
Geblieben sind vom "Krupplager" einige Grundmauer und Bunkerreste, und der etwas weiter im Wald liegende romantische, kleine See. Der zwanzig Jahre lang das Abwasserklärbecken des Lagers war, und der seinerzeit als "Königssee", "Goldsee" oder "Sch.....haussee" im Sprachgebrauch war.
Das "Krupplager" war bis ca. 1968 bewohnt und wurde anschließend abgerissen.

Ebenfalls zu unserer Geschichte gehören, zumindest in der Anfangsjahren:

Die Schloemannhallen
Wie schon die Firma Krupp, verlegte auch die Fa. Schloemann AG. aus Düsseldorf (Steinstraße) als NS-Rüstungsbetrieb 1942 ihre Konstruktionsabteilungen nach hier. Dazu mietete man nicht nur die komplette Gaststätte "Krummenweg", sondern auch den Saal der Gaststätte "Zur Grenze" an der Krummenweger Straße an.

Darüber hinaus baute man einige Baracken aus Bimsbetonelementen im Umfeld des "Krummenwegs". So entstanden im Wäldchen hinter der heutigen ESSO-Tankstelle zwei Baracken (heute Minigolfplatz) bzw. auf dem gegenüberliegenden, unteren Parkplatz hinter der heutigen BP-Tankstelle die Direktionbaracke gleicher Art, bzw. eine weitere an der Krummenweger Straße hinter der Gaststätte "Zur Grenze", die aber nicht fertig gestellt wurde.

 

 

 

 

 

 

 

Die Direktionsbaracke der Fa. Schloemann am Krummenweg

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Konstruktionsbüro

im Saale Doerenkamp

 

 

 

 

 

 

 

Dazu entstand noch eine Holzbaracke am Waldrand oberhalb der Doerenkamp´schen Gärten. Sowohl die Gaststätte "Krummenweg" als auch die Baracken dienten der Unterbringung der Konstruktionbüros, als auch der Unterbringung der Konstrukteure mit deren Familien. Auch der Saal der Gaststätte "Zur Grenze" wurde entsprechend umgebaut. Ca. 340 Leute wurden so untergebracht, und auch vor Ort beköstigt. Sowohl von der Hotelküche der Gaststätte "Krummenweg", als auch von einer Notküche auf dem Hof der Gaststätte "Zur Grenze". Die Schloemannhallen waren also im Gegensatz zu den "Krupp" oder "Essener-Lager" keine kompakte Lagereinheit.

Die Holzbarack hinter dem Doerenkamp Garten hat auch mit unserer Geschichte zu tun. Denn sie wurde Ende 1946 zu dem vorläufigen zu Hause für einige, aus dem pommerschen Leba vertriebenen Familien. Deren mehrwöchiger Leidensweg sie über Lübeck, Ülzen, Wipperführt, Mettmann bis zum Schloss Heltorf bei Angermund

führte.

Von wo es nach einigen Wochen des Aufenthaltes, mit einem LKW hoffnungsvoll zu einem Lager in Breitscheid ging, der End-station ihrer langen Reise. Erst spät in der Nacht kam man an und mußte dort erfahren, dass das Lager belegt sei!

Was tun in so einer Nacht, als alleinstehende Mutter mit kleinen, unmündigen Kindern?
Ein Herr Dr. Hüssen der Fa Schloemann, erkannte deren Notsituation, und öffnete ihnen die oben erwähnte Holzbaracke. Sie wurde Unterkunft für etwa 12 Familien. Man zog in die Baracke in der Annahme, hier ein kurzfristiges Übergangsquartier gefunden zu haben.
Ein Trugschluß wie sich zeigen sollte: Die Familien, Mütter mit z.T.3 und mehr Kindern, lebten acht(!) Jahre in einem 18 qm großen Raum. D.h. 18qm für Essen, Wohnen und Schlafen. Gekocht wurde anfangs auf einem kleinen Kanonenofen, oder

          

                Frau Forstreuter mit vier ihrer Kinder vor der

                Schloemann - Holzbaracke      

                             


Die Fa. Doerenkamp bot den Bewohnern der Holzbaracke gegen Überlassung ihrer Lebensmittelkarten, eine Vollverpflegung durch die Hotelküche an. Das schien anfangs eine gute Lösung. Doch machte sich bald Unmut über die Qualität des gelieferten Essens breit. Man war der Meinung, dass die Essensqualität bei weitem nicht dem Wert der Lebensmittelkarten entsprach. Außerdem gingen den Familien, besonders den Kindern wichtige Lebensmittel wie Zucker, Mehl, Gemüse und Butter verlustig. Man beantragte beim Kreis Mettmann Kochöfen, welche ihnen nach kurzer Zeit genehmigte und noch vor dem Winter zugestellt wurden. Somit nahm man die Verpflegung wieder in die eigenen Hände. Brennmaterial dazu lieferte der Wald zur Genüge. Voraus gesetzt, man hatte einen Sammelschein von Förster Buse. Interessant ist, dass alle später, die von der "Aachener Siedlungsgesellschaft" errichteten Siedlungshäuser am "Kieferhain" erst als Mieter bezogen, und danach als Eigentümer übernahmen.

Und nun zum...

Essener Lager
Dieses Lager entstand entgegen landläufiger Meinung nicht im Zusammenhang mit dem Bau der Reichsautobahn Mitte der 30er Jahre. Sondern, nach dem unser Gebiet zum Kriegsgebiet erklärt wurde, erst gegen Ende 1943. Die "Organisation Todt" (OT) sie unterstand dem Reichsminister für Kriegswirtschaft und Verkehr Albert Speer, plante und baute es hier als OT Führungslager. Fotos aus dem Jahre 1947 lassen den Schluss zu, dass einige Baracken nicht ganz fertig gestellt wurden. Und ob hier, wie bei der OT üblich, auch Gefangene oder Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen, ist zwar nicht belegt, ist aber auch nicht auszuschließen.

         Lageplan des Essener-Lagers an der damaligen Essener Straße in seinen Anfängen.

                                                          Heute heißt  es hier ,Am Sondert' .

Das Lager bestand aus fünf Hohlblockstein- und einer Holzbaracke bzw. einem Pförtnerhäuschen an der Essener Straße. Es hatte eine eigene Wasser und Stromversorgung. Das zentrales Dampf-Heizsystem für die Steinbaracken war durch die zerschlagenen Porzellanheizkörper zu diesem Zeitpunkt defekt. Einige Baracken waren teilweise unterkellert und mit einem unterirdischen Tunnelsystem verbunden, durch das auch die Versorgungsleitungen geführt waren. Die Wände der Räume waren fugenglatt gemauert, z.T. geweißt, und hatten Steinholzfußböden. Das Areal auf dem das Lager errichtet wurde, war Eigentum der Familie Spee von nahen Haus Linnep. Ein Pachtvertrag zur Nutzung durch die OT kam mit mehr oder weniger politischem Druck zu Stande. Dem zu Folge waren nur die Aufbauten im Besitz der OT. Eine, nach dem Krieg zu erwartende vertragliche Neuregelung des Pachtvertrages bzw. Regelung der Gebäudenutzung, zwischen dem Finanzamt-Nord in Düsseldorf als Verwalterin ehemaliger Reichs und Staatsvermögen, bzw. Militäreinrichtungen, also auch Verwalterin der Hallen einerseits, und der Familie von Spee (Grund) und der Stadt Essen (Bewohner) andererseits, wurde wegen der rechtlichen Komplexität hinaus geschoben. Schon innerhalb der Essener Stadtverwaltung konnte man sich zu keiner internen Klärung eines Standpunktes zur Sache durchringen, weil jede Dienststelle eine andere Ansicht vertrat. Man erwähnte sogar eine Klärung beim Sozial- oder Innenministerium herbeizuführen. Dieser juristische Schwebezustand hielt sich nicht weniger als eineinhalb Jahrzehnte.

Was das Lager in seinen Anfängen selbst betraf, kann nach Spee´schen Unterlagen davon ausgegangen werden, dass das Lager bis zum Kriegsende höchstwahrscheinlich leer stand, also nicht gemäß seiner geplanten Bestimmung durch die OT genutzt wurde. Nach Kriegsende stand die Anlage gemäß Gesetz 52 unter Verwaltung der engl. Militärregierung. Zwischen den Monaten Mai (1945), also Kriegsende, bis etwa September des gleichen Jahres, wurden in diesem Lager vorübergehend ehemalige polnische und italienische Kriegsgefangene untergebracht. Zwischen dem Auszug der ExGefangenen im September 1945, und dem Erscheinen der Essener hier, können nur wenige Wochen gelegen haben.
Wie schon die Bewohner des "Krupplagers", waren auch diese Essener das Opfer der totalen Bombardierung der Stadt Essen im Mai 1943. Auch sie evakuierte man im gleichen Jahr nach Würthemberg. Man erinnert sich gut, dass man dort nicht nur christliche Nächstenliebe erfuhr und wie eilig man es dort gleich nach Kriegsende hatte, die Evakuierten wieder in Güterzüge zu verfrachten um sie zurück nach Essen zu schicken. Wohl wissend, dass Essen nur ein Trümmerfeld sein konnte.
Der Rücktransport wurde zur Odyssee durch ein Trümmer,Deutschland. Zerstörte Eisenbahnbrücken, machten die mehrwöchige Reise zu einem unvegesslichen Leidenweg, über den man heute nur ungern spricht. Z.B über das Auffanglager Wipperfürth und die oblikatorische Entlausung und dem entäuschenden Empfang in Essen. Da Essen sich außerstande sah, sie aufzunehmen, bugsierte man sie kurzerhand samt Zug auf ein Nebengleis des Bahnhofs Hösel. Fast fünf Monate verbrachten sie dort in den Güterwagons. Man schlief auf Strohlagern. Wasser holte man in Schüsseln und Eimer an einer alten Pumpe hinter dem Bahnhofsgebäude. Die Bahnhofstoiletten, ohnehin ein Problem, nahm man in Beschlag oder ging in den Wald. Vielen Essenern ist aber auch noch die großherzige Hilfe durch das "Deutsche Rote Kreuz" und deren schmackhafte Brennesselsuppe mit Brotstückchen in guter Erinnerung. Doch die größte Sorge galt dem sich anbahnenden Winter.
Der Zufall soll für das Folgende die Hand im Spiel gehabt haben: Ein umtriebiger älterer Höseler, soll die obdachlosen Essener auf das in der Nähe liegende, leerstehende OT-Lager in Breitscheid vor dem "Krummenweg" aufmerksam gemacht haben. Ein Erkundungskommando nahm das Lager in Augenschein. Der ganze Lagerkomplex lag in einem Tannenwäldchen, von der Straße her kaum einzusehen. Man erkannte sofort die Bedeutung der Hallen für die Obdachlosen. Da die Eigentümerfrage der Baracken nicht zu klären war, man auch keinen Ansprechpartner fand, schritt man kurzerhand zur Tat: Schlug die Fenster der verschlossenen Eingangstüren ein und verschaffte sich Zutritt, um nach kurzer Inspektion die schicksalhafte Entscheidung zu fällen: "Hier überleben wir den Winter"!
Das war im Oktober 1945.
Nun ging alles sehr schnell, denn man wollte Tatsachen schaffen. Schon nach wenigen Stunden zog ein langer Tross, mit Habseligkeiten beladener Menschen vom Bahnhof Hösel, zum OT-Lager in Breitscheidt. Eine besonders lobenswerte Rolle der Menschlichkeit spielte hier Bauer Monheim aus Breitscheid von der Kölner Straße. Er stellte den Leuten sein Pferdegespann uneigennützig zu Verfügung. Besonnene Männer um Heinz Ipach, dem späteren Lagerleiter, wiesen jeder Familie, erst einmal einen Raum zu. Der mit 16 qm für z.T. 6 Personen zwar sehr beengt war, ein Problem, das in den nächsten Tagen sinnvoller geregelt wurde. So erhielten größere Familien zwei Räume zugewiesen. Die Hauptsache aber war, dass alle Familien in festen Mauern über den Winter kamen. Hoffnungsvoll war man der festen Überzeugung, hier ja nur ein kurzfristiges Provisorium bezogen zu haben. –
Ein Provisorium, das letztlich mehr als 30 Jahre Bestand haben sollte.
Eine sich möglicherweise ergänzende Version der Handstreichbelegung des Lager durch die Essener, ergibt sich aus Berichten über Verhandlungen eines Oberverwaltungsrates Liedlegener mit der Stadt Essen, die das Verbleiben der Essener im OTLager regelten, oder wahrscheinlicher, im Nachhinein legalisierten. Die Akten sprechen von ca. 185 Bedürftigen. Darunter 80 Kinder, 20 z.T. kranke oder im Krieg verletzte Männer und ca. 85 Frauen.
Die erste Zeit war geprägt von Enge, Not und Improvisation. Hatte man einen Herd oder Ofen, führte man das Ofenrohr mangels Kamin einfach durch die Wand, oder durch ein herausgeschlagenes Fensterfeld ins Freie. Oder man kochte draußen auf einem offenen Feuer. Brennmaterial fand man ja genügend im Wald. Schlimm waren jene dran, die weder Herd noch Töpfe besaßen.

Die andere Seite des Lagerlebens:

Die Freiheit der Kinder.

 

Als besonders wertvoll erwies sich nun der noch funktionstüchtige Kochherd in der ehemaligen Tod´schen Kantine mit einem fest installierten Kochtopf. Dieser Kochherd wurde von den Familien umgehend in Betrieb genommen, die "zu Hause" keine Kochgelegenheit hatten. Jeden Mittag zogen Frauen und Mütter mit ihren Kochtöpfen hier her, um gemeinsam ihr armseliges Mittagessen zu zubereiten: Pudding, Grießbrei, Kartoffel oder "Mehlpapp". Aber es war auch eine willkommene Gelegenheit Erfahrungen auszutauschen oder sich Mut zu machen. Die Ärmsten der Armen, die weder Herd noch Topf hatten, kamen um für sich und ihre Lieben "Reibekuchen" zu machen: Geriebener Kartoffelbrei, den sie auf der nackten, heißen Herdplatte zum Braten legten.....


Die größte Sorge der Erwachsenen galt den Kinder. Deren Hungeraugen die Eltern zu illegalen, nächtlichen Hamstertouren trieben. Die Getreide und Zuckerrübenfelder des Grafen Spee und der umliegenden Bauern waren die Ziele der nächtlichen KlauExkursionen. In der Pfanne gedünstete Steckrübenscheiben als Brotbelag z.B. standen als "Arbeiterspeck" hoch im Kurs. Getreide mahlte man in der Kaffeemühle zu zu einer Art Mehl oder röstete es in der Pfanne zu Kaffee-Ersatz, (Muckefuck). Klätschiges Maisbrot mit Mehl bestreut galt als Delikatesse. Unterernährung war Normalität.
Graf Spee vom nahen Schloss Linnep, erkannte einerseits die Not der Lagerbewohner, war aber verständlicherweise verärgert über die angerichteten Schäden auf seinen Feldern. Als Lösung stellte er den Leuten die Waldfläche zwischen dem Lager und der Autobahn zur Verfügung, auf denen sie sich Gärten anlegen konnten. Eine große Herausforderung für die Hobbygärtner. Denn hier mußten nicht nur Bäume gerodet werden, der Boden war auch steinig und wenig ergiebig. Man nannte die Gärten feinsinnig: "Schrebergärten". – Dass auch der junge Graf Klemens ein Herz für die Kinder des Lagers hatte, zeigte sich wenn Muttertag anstand. Sie alle erhielten einen Strauß Flieder für die Mutter. Und die alljährliche Frage des Grafen an die Kinder war: "Könnt ihr denn auch ein Liedchen singen?". Man konnte, und sehr gut sogar....

In dieser Zeit großer Entbehrung fanden sich Leute, die sich die Not der noch Ärmeren zur Herzenssache machten. Dazu gehörte Frau Fanny Ipach(links), die Ehefrau des Lagerleiters. Sie kümmerte sich bei- spielhaft um die Belange der Lagerbewohner: Um die gerechte Verteilung der selten eingehenden Hilfsgüter, sie organisierte Kleidersammlungen für die Bedürftigen des Lagers, bemühte sich um Hilfe jeder Art in den Gemeinden Breitscheid und Hösel. Resolut vertrat sie die Interessen der Bewohner gegenüber der Stadt Essen, später aber auch der Gemeinde Breitscheid, wenn es z.B., um den dringend notwendigen Telefonanschluß für das Lager ging. Am 20.1.1947 wurde sie von der Stadt als Schulwartin einsetzt, und verdiente ganze 1,24 DM die Stunde. Neben der Reinhaltung der Schule übernahm sie auch die Zubereitung der Schul- speisung. Auf Empfehlung der Hauptlehrers Thomas, ernannte man sie zur Hausmeisterin mit einem neuem Arbeitsvertrag, der an einen, sagen

wir einmal, kleinen Amtseid gebunden war. Das sie später in den Breitscheider

Gemeinderat gewähl wurde, unterstreicht nur einmal mehr das Vertrauen, dass man in sie setzte.

Die Beschaffung von Lebensmitteln war eines der Hauptprobleme der Lagerbewohner. Dazu war der Einkauf in Lebensmittelgeschäften mit langen Wegen verbunden, z.B. nach Ratingen, Lintorf oder Hösel. Und dort, das weiß man noch gut, gingen die ortsansässigen Kunden vor. Man gehörte als jemand "aus dem Lager" nicht zur Stammkundschaft. Und dass man für sie nicht immer das hatte, was es eigentlich für sie hätte geben sollen, ist auch noch gut in Erinnerung. Da hieß es einfach "Fisch is alle" und fertig. Diese mehr oder minder versteckte Diskriminierung, traf sie tief und setzte sich schon früh in ihren Seelen fest.
Aber, was die Versorgung betraf, bewegte sich mit der Zeit etwas. Etwa 1947/48 eröffnete eine Lagerfamilie im ehemaligen kleinen Todt´schen Pförtnerhäuschen so etwas wie einen Warenverkauf. Der jedoch nicht lange Bestand hatte, wie man erzählte, weil die Familie wohl selbst ihr bester Kunde war....
Aber irgendwann entdeckten auch "Fliegende Händler" das Lager und seine Bewohner als Kunden. Sie ersparten den Essenern bald einige lange Wege für die alltägliche Bedürfnisse:
Ein Höseler Bürger z.B., von Beruf Schneider, machte als erster mit einem Handwagen den Anfang, und verkaufte lose Milch. Die natürlich reißenden Absatz fand.In den folgenden Jahren, waren die Essener hier für manchen Händler ein gefragtes Käuferpotential: Ein Herr Schmitz aus Mintard z.B. verkaufte hier Milch, Brot und Lebensmittel. Er betrieb zeitweise auch in der Verwaltungsbaracke des "Krupplagers" den kleinen Lebensmittelladen.
Bäcker Meisenkothen aus Hösel fand ebenfalls den Weg nach hier. Ihn und sein klätschiges Maisbrot hat man heute noch gut in Erinnerung.
Ein Herr Nelles aus Breitscheid oder Selbeck brachte hier mit seinen Werbesprüchen die Kundschaft zum Schmunzeln wenn er rief: "Obst, Gemiese, Karrrtuffel, alte Lumpeeen"!
Auch ein Selbecker Bäcker brachte 2x wöchendlich Brot nach hier.
Später verkaufte sogar der Tiefenbroicher Bäcker Kemperdick hier seine Produkte. Ebenso versorgte Herr Scheibling aus Tiefenbroich die Essener mit Gemüse und Gartenprodukte.

In den letzten Jahren war es Herr Martini aus Breitscheid, in dem die Bewohner mehrmals wöchentlich einen zuverlässigen Lebensmittelzulieferer hatten.

Wichtigste Versogerin für die Lagerbewohner wurde Frau Anni Marzian mit ihrer kleinen Trinkhalle oben an der Essener Straße. Von der wir noch hören werden.

 


 

 

 

 

Anni Marzians

kleine Trinkhalle 1952

 

Die bedrückenden Lebensverhältnisse riefen Hilfsorganisationen auf den Plan. In Verbindung mit der britischen "Rhinearmy", war es die englische Heilsarmee. Vielen ist da noch Miss Larson gut in Erinnerung. Miss Larson war Dänin, und wohl von ungewöhnlicher Schönheit und außerordentlicher Ausstrahlung. Sie war Mitglied der Heilsarmee in einem höheren Rang. Sie beschaffte den Lagerbewohner nicht nur Kostbarkeiten wie Trockenei, Brot, Trockenmilch, Streichkäse in Dosen, Mehl und sonstige Lebensmittel, sie organisierte für die Kinder und Jugendlichen auch Zelte und Fahrten ins Bergische Land mit LKW´s der britischen Armee (1949).
Um Miss Larson rankte sich eine romantische Liebesgeschichte: Ihre Schönheit hatte es dem englischen Offizier Thompson angetan. Da sich Mrs. Larson hier wohl recht oft aufhielt, richtete Mr. Tompson es ebenfalls so ein, dass auch er zur gleichen Zeit hier "zu tun hatte". Sein Liebeswerben ließ die Dame nicht kalt, und auch sie erglühte in tiefer Liebe zu ihm, so dass die heimlichen Treffen über Monate zu Regelmäßigkeit wurden. Die Liebe der beiden fand ihre Erfüllung in der Nachkriegszeit. Wie man hörte, heirateten sie in England. Das Schöne an der Geschichte ist, dass das ganze Lager hier von ihrer Liebe wußte, der großen "Rhinearmee" aber diese verborgen blieb...

Trotz mancher Hilfe von außen, ließen sich die Lagerbewohner keine Gelegenheit entgehen, ihren Lebensstandart zu verbessern: Für ein paar Mahlzeiten verdingte man sich zum Kartoffelkäfersammeln, oder zum Dreschen bis in die späte Nacht bei den umliegenden Bauern. Auch stellte man sich als Treiber zu gräflichen Treibjagden zur Verfügung. Besonders gerne half man beim Bauern Monheim in Breitscheid. Der seine Helfer nicht nur über Tag ordentlich beköstigte, sondern ihnen am Abend auch noch einige Schmalzbrote mit auf den Heimweg gab. –

        Ganz links,  Schwester Adele

Unvergessen ist vielen Lagerbewoh-nern die Hilfe, die ihnen in den ersten Jahren durch Schwester Adele zuteil wurde. Schwester Adele war Diakonissin. Sie kam am 1. Oktober 1946 zusammen mit ihren Mitschwestern aus ihrem Mutterhaus Bethesda von Wuppertal nach Hösel. Grund war die Beschlagnahme des Mutterhauses durch die britische Besatzungmacht. Die Wuppertaler Schwesternschaft übernahm dafür ersatzweise das damalige Diabetikerkrankenhaus in Hösel. Auch Schwester Adele tat hier Dienst, u.a. als OP-Schwester. Ihrem Organisationstalent hatte sie es wohl zu verdanken, dass sie Pfarrers Klein der evangelischen Kirchengemeinde Linnep als Gemeindeschwester in unterstützend zur Seite gestellt wurde. Zur Linepper Kirchengemeinde gehörten damals die Gemeinden Hösel, Breitscheid, Selbeck und Mintard. Also auch unsere beiden Lager und die Schloemannhallen gehörten dazu. Deren Betreuung sie als ihre ganz besondere Aufgabe und Herausforderungen ansah.

Sie organisierte Kaffeefahrten und Weihnachtsfeiern in der Linneper Kirche, gründete Kinder-, Musik- und Nähgruppen. Kümmerte sich um die Krankenpflege, organisierte Genesungsurlaube für bedürftige Mütter, Seniorenfahrten und unterstützte notleidende Familien aus Spendenmitteln. Schwester Adele war für manchen nicht immer bequem, für die Bedürftigen aber oft eine letzte Hoffnung in der Not. Schwester Adele ging am 30. Juni 1978 in den wohlverdienten Ruhestand. Wohnte aber noch weiter in Breitscheid, im neu entstandenen evang. Gemeindezentrum, wo sie den jüngeren Mitarbeiterinnen mit Rat und Tat zur Seite stand.

Am 18. Januar 1985 feierte sie im Mutterhaus Bethesda in Wuppertal ihr 40jähriges DiakonissenJubiläum. Genau ein Jahr später, am 18. Januar 1986 verstarb Schwester Adele dort, und wurde ihrem Wunsch gemäß, auf dem Diakonissen-Schwesternfriedhof beigesetzt. –

Ein Bedürfnis der Bewohner war nun die Erweiterung ihres persönlichen Lebensraumes. Man brach sich Türenöffnungen nach draußen, rodete das Wohnungsvorfeld, wodurch Höfe und kleine Plätze entstanden. Man baute Holzschuppen und Ställe für Kleinvieh. Das Holz dazu beschaffte man sich für kleines Geld aus Rindenholzabfällen beim Dampfsägewerk Kaiser in Lintorf.

Man legte Gärten mit gepflegten Beeten an, pflanzte Hecken und zimmerte Gartentörchen. Man verließ sich einfach nicht mehr alleine auf die Hilfen von außen oder gar der Stadt Essen. Man besann sich wieder auf eigene Fähigkeiten. Wohl ahnend, dass von Seiten ihrer Heimatstadt und auch auch sonst keine so rasche und gravierende Hilfe zu erwarten war. Wie Recht sie damit hatten, beweist die Aktenlage aus jener Zeit. Es ist bedrückend, wie gering dort die Kenntnis über die Bewohner und Lager war. Nicht nur daß dort z.T. mit Bewohnerzahlen von 700 (statt 180) Essenern gehandelt wurde, auch schien man mit Lage des Lagers seine Probleme zu haben. Es gab Meinungen in der Stadtverwaltung, die ernsthaft darüber diskutierten, ob die Lagerbewohner überhaupt noch Essener wären, oder nicht doch schon Bürger der Gemeinde Breitscheid. Dies, und noch einiges mehr erklärt die magere Präsenz und Interesse der Stadt in jener Zeiten an diesem Lager.

Mit besonderer Sorge betrachteten die Essener hier den Alltag der Kinder im Schulalter. Etwa 80 waren das alleine im "Essener Lager". Hinzu kam etwa die gleiche Anzahl aus dem Höseler "Krupplager", und eine nicht geringe Anzahl aus den "Schloemannhallen". Ihnen allen fehlten schon seid vielen Monaten jede schulische Betreuung. Den Vertretern der Stadt Essen, die sich hier ab und an sehen ließen, war der Zustand zwar bekannt, aber eine rasche Abhilfe von dort zeichnete sich nicht ab. Auch der Versuch, die Kinder in der Breitscheider Schule unterzubringen, scheiterte dort nicht nur an Platz und Lehrermangel. Man war grundsätzlich nicht Willens "Kinder aus dem Lager" aufzunehmen, wie man noch heute erzählt.

                         Unterricht im Freien

 

Herr Fritz Majon, Rektor der kath. Kirchengemeinde Hösel, nahm sich als erster der Kinder hier an, und versuchte es mit einem Not-Unterricht im Freien, auf wackligen Luftschutzbänken, ohne Schreibzeug, ohne Klassentafel, und alle Altersgruppen in einem bunten Haufen zusammen gefasst. Auch die Verlegung dieses "Unterrichts" in einen leeren Hallenraum blieb ein hoffnungsloses Unterfangen. Rektor Majon verließ übrigens 1947 die Gemeinde Hösel und wechselte als Pfarrer zur St. Engelbertskirche nach Mülheim a.d.Ruhr.


Eine Änderung des Schulproblems ergab sich erst Monate später. Als sich die Stadt Essen endlich und ernsthaft um Lösungen bemühte. Z.B. Lehrerstellen ausschrieb und das Essener Bauunternehmen Ambrosch & Zabel beauftragte, den großen OT-Speiseraum mit Zwischenwänden zu unterteilen. So dass zwei Klassenräume und ein kleines Lehrerzimmer entstanden. Wie dürftig die Verhältnisse aber noch Ende 1947 waren, zeigt eine Mitteilung an die Stadt, dass man 171 Schüler habe, aber nur 109 Stühle.

 Die zwei Klassenräume konnten für die große Kinderzahl nur ein Anfang sein, und für die ersten Lehrkräfte eine große Herausforderung. Seiner Nähe zum Wald wegen, nannte man es allgemein "Waldschule". Die Waldschule wurde erst einmal das Schulzentrum für die Kinder beider Lager und der Schloemannhallen.
Wie wenig man sich bei der Stadt mit dem Lager auseinander gesetzt hatte, zeigt ihre geografischen Kenntnisse was die Lage der Lager betraf. So finden sich im Schriftverkehr Namensschöpfungen für die Waldschule", wie " Evakuiertenschule in Hösel ", "Waldschule-Hösel-Essen" . Sogar "Christliche-Gemeinschaftschule Waldschule-Essen-Hösel" wurde beantragt, aber abgelehnt. Später reichte dann die Bezeichnung " Waldschule Breitscheid - Kreis Mettmann".

Am 14. Januar 1947 begann mit Lehrer Adolf Thomas ein erster geregelter Schulunterricht. Lehrer Thomas, Vater von zwei Söhnen, konnte schon damals allerbeste Referenzen vorweisen. Er kam auf Empfehlung des Schulrates Pohl nach Breitscheid, und erwieß sich als Glücksfall für die "Waldschule". Keine andere Lehrkraft wird noch heute so spontan mit der "Waldschule" in einem Atemzug genannt. Er war es, der sich über Jahre intensiv für "seine Schule" und "seine Schüler" einsetzte. Hartnäckig vertrat er deren Interessen gegenüber der Stadt Essen, wenn es um dringend benötigten Einrichtungen und Anschauungmaterialien für den Schulbetrieb ging. Oft trat bei solchen Beschaffungen in Vorleistung, z.B. beim Ersatz für defekter Glühlampen, zerbrochener Fensterscheiben u.a., deren Bewilligungen sich oft über Wochen ja Monate hinzogen. 1948 z.B. beantragte er mehrfach Hartfaserplatten aus denen er Wandtafeln fertigen wollte. Auch beklagt er die Nichtfertigstellung der Schülertoilette, die sich schon über Jahre hinzog. (Die Kinder mußten für ihre Notdurft in Ermangelung einer Toilette den angrenzenden Wald aufsuchen.)
In seinem regen Schriftverkehr beklagte er nicht nur die mangelnde Unterstützung seitens der Stadt, sondern auch die mangelnde Betreung durch die Lagerverwaltung in Sachen Waldschule.
Lehrer Thomas galt als ein begnadeter Pädagoge, der es hervorragend verstand, die durch die Kriegs- und Nachkriegszeit ziemlich verwilderten Lagerkinder, gefühlvoll durch den Unterrichtsstoff zu führen. Auch spielte er ausgezeichnet Geige. Aber auch seine Treffsicherheit mit Schwamm, Schlüssel und Kreide sind in guter Erinnerung. Er vermittelte den Kinder den Sinn zu gemeinsamen und sinnvollem Schaffen. Zum Beispiel bei Gestaltung des noch fehlenden Schulhofes.

Gemeinsam rückten Schüler und Lehrer dem Platz vor der Schule zu Leibe, und befreiten ihn mit Hacken und Schaufeln von Gehölzen und Wurzeln. Ein herrlicher Schulhof entstand, der auch in der Freizeit als Spielplatz genutzt wurde.

Ein Schulhof entsteht in Eigenleistung

Lehrer Thomas kam täglich mit dem Zug aus Essen Stadtwald nach hier. Mußte, bedingt durch die noch zerstörten Ruhrbrücke in Kettwig, mit der Ruderfähre übersetzen, und für eine Fahrt viermal umsteigen.
Vom Höseler Bahnhof aus, lief er bei Wind und Wetter zu Fuß nach hier. Häufig schlossen sich ihm die Kinder des am Wege liegenden "Krupplagers" an und die Kinder des "Essener Lagers" liefen ihm entgegen.

           Lehrer Thomas mit seinen Schülern vor der ,Villa Hügel'

Noch heute schwärmen seine Exschüler von seinen gut organisierten Fahrten in die nähere Umgebung und Schulfesten auf dem Schulhof, oder auf der "Wandervogelwiese" im Wald.

Lehrer Thomas feierte hier am 1. Oktober 1953 sein 40jähriges Dienstjubiläum und ging am 1. April 1958 nach 45 Dienstjahren in den Ruhestand.

 

 

 

 

Älteste Aufnahme mit Lehrer Thomas

 

Schülerbelegung in den ersten Jahren:
1948 = 201 Schüler
1949 = 219 Schüler

 

Das Kollegium v. l.

:Lehrer Fredy, Lehrer Marquard, Frau Mohnheim unbek. Junglehrer.

                                                                                            

Lehrer Thomas zur Seite stellte man als Lehrerin Frau Pauline Monheim (geb. Langheim). Frau Monheim ("Pauline") war im Böhmischen gebürtig. Durch die Nachkriegswirren kam sie ins Ruhrgebiet, arbeitete eine Zeit in einer Kettwiger Schirmfabrik und aufgrund ihrer Bewerbung an die Waldschule in Breitscheid. Sie unterrichtete hier die Klassen eins und zwei, und galt als einfühlsame Lehrerin, wenn es dort hin und wieder auch nicht grade geräuscharm zuging. Frau Monheim wurde die dienstlängste Lehrkraft an dieser Schule, die sie eine Zeitlang auch kommissarisch führte. Nach ihrem Ruhestand lebte sie in Ratingen, wo sie durch einen tragischen Autounfall vor ihrer Haustüre zu Tode kam.


Es war die Zeit der Schulspeisung. Die noch intakte OT-Großküche sollte sich auf Jahre hier bewähren. Frau Ipach, und später Frau Anni Marzian betrieben diese Schulküche solange die Schulspeisung aktuell war. Auf dem Speiseplan standen Köstlichkeiten wie Schokoladen und Bisquitsuppe. Aber auch die vielfach verwünschte Erbsensuppe, die noch heute manchem Exschüler eine Gänsehaut bescheren dürfte. – Doch in Zeiten der Not, hatte das Sprichwort: "Hunger treibts hinein!", hohen Wahrheitgehalt.
Ein relativ kurzes Gastspiel als Lehrerin gab in dieser Zeit Frau Schreiber, die Tochter des evangelischen Pastors in Linnep, die als sehr sensible Lehrkraft beschrieben wurde.
Um in den beiden Klassenräumen dem Lehrauftrag einigermaßen gerecht zu werden, unterrichtete man zweischichtig. Also vormittags und nachmittags. In Anbetracht dieser unbefriedigenden Lehrssituation richtete man den längst fälligen dritten Klassenraum ein, um endlich einen geordneteren Unterricht zu gewährleisten. Doch auch der dritte Klassenraum löste das Unterrichtsproblem nur ungenügend.

Schülerbelegung:
1950 = 200 Schüler
1951 = 180 Schüler
1952 = 178 Schüler

1948 erweiterte Lehrer Ernst Schulz das Kollegium. Er kam als Flüchtling von Ostpreußen, über Kiel, wo man ihm das Amt eines Religionslehrers anbot, nach hier. Er bewarb sich bei der Stadt Essen, die ihm zwei Lehrerstellen anbot. Eine davon war die "Waldschule" in Breitscheid, für die er sich letztlich entschied. Weil "Waldschule" ein bisschen romantisch nach Heimat klang. Anfangs lebte er alleine im kleinen Lehrerzimmer, wo er von den Kindergärtnerinnen aus der Schulspeisung verpflegt wurde.

Das um die Lehrerwohnung verlängere Schulhalle.

Auch später wohnte er mit seiner nachgekommenen Familie eine Zeitlang im erwähnten Lehrerzimmer. Den Lehrerzuwachs nahm die Stadt Essen zum Anlass, die Schulhalle so zu verlängern, dass ein vierter Klassenraum, und eine Lehrerwohnung für die Familie Schultz entstanden. Die Baumaßnahmen wurden aus Kostengründen in Eigenleistung durchgeführt. Das Baumaterial stellte die Stadt Essen zur Verfügung

                        

 Selbst die Familie Schultz half beim

 Bau der Lehrerwohnung

.

 

 

 

 

 

 

Lehrer Ernst Schultz

Auch Lehrer Schulz spielte Geige. Wohl mit mehr mäßigem Erfolg. Dafür ist manchem ehemaligen Schüler dessen "Handschrift" noch in guter Erinnerung. Von der er reichlich Gebrauch gemacht haben soll. Lehrer Schulz galt als guter Lehrer,aber auch als Lehrer alter preußischer Prägung.  

 

 

Schulentlassung 1951 mit dem Kollegium.

(2. v. links Lehrer Thomas)


Frau Ortrud Höhne (geb. Tetzlaff), gehörte an einigen Wochentagen ebenfalls zum Lehrkörper. Sie brachte den Mädchen im Fach "Handarbeit" die Feinheiten dieser Materie nahe. Sie opferte viel ihrer persönlichen Freizeit, und unterwies die Mädchen auch an Nachmittagen in textiler Gestaltung.

 

 

Daraus entstand eine Mädchengruppe, die sich mehrmals wöchentlich traf. Frau Höhnes verließ nach ihrer Hochzeit die Schule, und übernahm eine Lehrerinnenstelle an der Behindertenschule in Ratingen am Hauser Ring an. Sieglinde Pleihs nahm nun deren Stelle in der Gruppe ein. Man betätigte sich nun auch sportlich, laienspielerisch, musikalisch und gab sich den hübschen Namen "Schwalben".

 

 

 

Dann gab es noch einen Lehrer Friedrich Weck. Er galt als kinderfreundlicher Lehrer, der jedoch durch die Folgen eines dummen Unfalls beim Ballspiel auf dem Schulhof, zeitlebens Probleme hatte. Lehrer Weck ging später an die Realschule in Ratingen.
Immer wieder wurde auch Wolfgang Fredy als freundlicher und guter Lehrer genannt.
1953 kam Erich Klotz aus Lintorf an die Waldschule. Der hier seine erste Lehrerstelle antrat und damit der jüngste Lehrer an der Waldschule war. Lehrer Klotz lehrte hier fünf Jahre und ging dann an Tersteegenschule in Ratingen Tiefenbroich.
Lehrer Ulrich Marquardt, letzter Hauptlehrer der Waldschule, mußte das Ende der Schule erleben. Was für ihn auch gleichzeitig das Ausscheiden aus dem Schuldienst bedeutete. Er zog nach RatingenTiefenbroich an den Feldkothen, wo er mit seiner Familie ein Reihenhaus bezog.

Wie schon erwähnt, besuchten die Kinder des "Essener" und des "Krupplagers", bzw. der Schloemannhallen die Waldschule. Hinzu kamen später noch Kinder vom Breitscheider Kiefernhain bzw. einige von der Kölner Straße, denen der Weg zur Breitscheider Schule zu weit war. Diese große Kinderzahl erklärt auch die Erweiterung der Waldschule um einen vierten Klassenraum, so dass in jedem Raum nun zwei Altersklassen unterrichtet wurden. Die Klassen waren mit durchschnittlich 40 bis 50 Kinder belegt. Lehrer Klotz gibt einige seiner Klassen mit bis zu 65(!) Schülern an. Auch die Gesamtbelegung der Waldschule zu seiner Zeit mit durchschnittlich 150 – 180 Kinder anzugeben, wäre durchaus realistisch.
Was die pädagogische Leistung der Waldschule betraf, war diese mit kommunalen Einrichtungen des Umfeldes durch aus vergleichbar. Das zeigt die hohe Zahl der Schulabgänger, die eine Berufsausbildung begannen und erfolgreich abschlossen. Zum Teil auch mit anschließenden höheren Qualifikationsabschlüssen bzw. auch bis in die Selbstständigkeit. Wenn auch ein gewisser Anteil der Schulabgängern direkt in ein Lohnverhältnis überwechselte, war das meist im familiären Umfeld, oder in der Ansicht begründet "endlich eigenes Geld zu verdienen". Eine Anschauung, die auch außerhalb des Lagers verbreitet war.


Ein weiteres Problem, war die Betreuung der Kleinkinder. Da auch hier von den umliegenden Kommunen keine Hilfe zu erwarten war, suchte man nach eigenen Lösungen. So organisierte schon 1949 die AWO-Essen mit der Unterstützung von Lehrer Thomas hier den teilweisen Ausbau der Halle II. zum Kindergarten, incl. der kindgerechten Ausgestaltung der Räume. So entstand ein Kindergarten, den noch heute viele als geradezu paradiesisch beschreiben. Der Kindergarten lag direkt am Waldrand, im Schatten riesiger Buchen.

 

 

Zwar beschränkte sich die Außenanlage nur auf einen Sandkasten und ein paar ein paar Bänke, so vollbrachten die Kindergärtnerinnen mit viel Phantasie und einfallsreichen Spielen kleine Wunder. Das Einzugsgebiet des Kindergartens entsprach dem der Waldschule. Also Krupplager, Schloemannhallen und Teile Breitscheids. So besuchten z.B. auch die Kinder der Familien Flocken und Doerenkamp zeitweise diesen Kindergarten. Erste Kindergärtnerin war Frau Halfpath aus Kettwig. Frau Halfpath nahm jeden Morgen vom Bahnhof Hösel kommend, die Kinder des Krupplagers an ein Seil führend mit zum Kindergarten. Zu den Betreuerinnen gehörten später u.a. auch Frau Krug, Frau Neudack und vor allem Fräulein Fink (die spätere Frau Dreydemy).

 

Noch heute schwärmen Beteiligte von wunderbaren Spielnachmittagen und Kindergartenfesten zu denen Frl. Fink das Akkordeon spielte. Viele Bewohner des Lagers liefen als Zaungäste zusammen. Die Anzahl der Kinder wurde mit durchschnittlich 40 angegeben. 1963 übernahm die AWO-Hösel den Kindergarten und übergab diesen später der evangelischen Kichengemeinde Linnep zur Betreuung. Das monatliche Gehalt einer Kindergartenhelferin betrug seinerzeit ganze 161,30 DM.

In eben erwähnter Halle II, befand sich ein großer Raum mit ca. 200 qm Grundfläche, kurz "Saal" genannt. Er wurde wenn man so will, multikulturell genutzt. Nach Todt´schen Plänen war er als Versammlungsraum, und nach den kleinen Schaulöchern in der Hinterwand zu urteilen, auch als Kino geplant. Die EssenerZeit erlebte ihn sonntags als katholische Kirche. Pastor Schäfer aus Selbeck las hier jeden Sonntag um 10,00 Uhr die Hl. Messe. Frau Schulz richtete dazu (unentgeltlich) den Saal her. D.h. den Altar, die Bänke und wenn nötig, setzte sie auch die großen Kanonenöfen in Gang. Sie war sich auch nicht zu schade, frisches Grün aus dem Wald zu holen oder für den Altarschmuck Blumen in der Nachbarschaft zu sammeln. Ihr Mann, Lehrer Schulz begleitete auf einem alten Harmonium die Kirchenlieder. Anfangs mußten die Katholiken des Lagers entweder nach Hösel zur Kirche laufen, oder die winzige Schlosskapelle im Schloss Linnep besuchen. Man erzählt sich, dass bei den ersten Gottesdiensten dort, der ehrwürdige Graf von Spee (Der Vater des heutigen Grafen Klemens ), manchmal als Messdiener fungierte! Den man doch sonst nur in Jägermontur, mit seinen zwei Hunden und geschultertem Jagdgewehr durch die Wälder streifend, kannte. Nachdem die Familie Schulz an den "Bruch" verzogen war, übernahm Herr Schwertfeger aus Breitscheid diese Aufgabe. Trotz einer schweren körperlichen Behinderung.
Die evangelischen Lagerbewohner waren da schlechter dran. Um einem Gottesdienst beizuwohnen, mußten sie den langen Weg bis zur Linepper Kirche auf sich nehmen. Zwar gab es quer durch den Wald einen abkürzenden Schleichweg, der aber für sonntägliche Kirchgänge weniger geeignet war.

 

Standen Konfirmationen an, war das im Vorfeld für die Lagerkinder mit einem noch längeren Weg verbunden. Pastor Klein, hielt sich da nämlich wörtlich an den Bibelspruch: "Lasset die Kindlein zu mir kommen!". Also ließ er die Kinder, auch bei klirrender Kälte, bis hinter den Linneper Friedhof laufen, wo er sie in der eiskalten Leichenhalle in die Geheimnisse der Konfirmation unterwies. Man erinnert sich auch, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne christlich-rustikale Ohrfeigen in Serie austeilte, dabei keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen machte. Die Konfirmationen selbst wurden sehr feierlich in der alten Linneper Kirche begangen. Unter der erfahrenen Aufsicht von Schwester Adele. Nachfolger von Pastor Klein wurde Pastor Schreiber   

Konfirmationsgruppen vor der Linneper Kirche

Die katholischen Kinder waren da besser dran. Sie erhielten in der Schule den Kommunionunterricht.
Die Kummunionsfeier selbst fanden unter Pastor Schäfer in Selbeck statt. Bei Beisetzungen gab es folgende Regelung: Evangelische Beisetzungen fanden auf dem Linepper Friedhof, und katholische auf dem Friedhof in Selbeck statt.
Oben genannter Saal wurde hin und wieder auch zum Kino. Fernsehen war ja noch unbekannt! Ein Wanderkino kam alle paar Wochen und erfreute die Lagerinsassen mit Ganghoferfilmen mit Hansi Knotek oder den bekannten UfaStars. Beliebt waren natürlich die amerikanischen Cowboyfilme mit William Boyd oder Ken Meynard und seinem Wunderpferd Tarzan.
Der Saal hatte eine Bühne, die vielfach der Schauplatz von Laienspielveranstaltungen und Elternabende der Schulkinder bzw. der Jugendlichen war. Der Wert dieses Saales ist heute im Zeitalter weltweiter Fernseh- und Telekommunikation überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

 

Und in diesem Saal wurde auch eine sehr bemerkenswerte Geschichte geschrieben:
In dem kleinen Garderobenraum links neben der Bühne, hatte eine Jungendgruppe ihr zu Hause, die wie keine andere Institution das Leben der Jungen hier geprägte. Es war eine Pfadfindergruppe im überkonfessionellen "Bund Deutscher Pfadfinder" (BDP). Im Oktober 1948 wurde diese Gruppe gegründet. Ein Willi Plewnia aus Ratingen brachte den Geist eines "Baden Powell" in das "Essener Lager". "Willusch", wie man ihn nannte, wurde zum Synonym für Kameradschaft, Gemeinsinn und Aufrichtigkeit. Er prägte nicht nur die Grundeinstellung der Jungen in den Anfängen, sondern auch die Jungen späterer Generationen. Seinen pädagogischen Einfluss mag man daran erkennen, dass selbst in der Schule "Willuschs" Einfluss spürbar war. Betrug sich ein Junge dort ungebührlich, hieß es: "Dat sach ich dem Willusch". Karl May Bücher war damals "in". Man nannte sich in Anlehnung an die Karl-May-Geschichten "Stamm Delawaren" der sich in 3-4 Sippen unterteilte. Im allgegenwärtigen Wald lebte man mit Kothen, Seilen, Lagerfeuern, und selbst gefertigten Indianertrachten Karl May und Winnetou nach.
Es wurde eine hochaktive Gruppe, die auch durch ihren Gesang weit bekannt wurde. Sie belegte bei einem Singwettbewerb in einem Landesmarklager bei Leverkusen mit einigen hundert Pfadfindern einen eindrucksvollen 2. Platz.
Auch ihre Elternabende, die man zusammen mit dem o.a. "Schwalben" gestaltete, füllten den Saal bis auf den letzten Platz. Die schwungvollen Veranstaltungen fanden selbst in der kommunalen Presse einen bewundernden Widerhall (mit Foto). Die "Delawaren" rekrutierten sich nach einigen Jahren längst nicht mehr nur auch Jungen des "Essener – Lagers". Auch Jungen aus dem "Krupplager", den "Schloemannhallen", ja selbst aus Breitscheid und Lintorf fanden den Weg auf Jahre in diese Gruppe!

 

Hoher Besuch aus Amerika.

                                                                                                                      Links als Indianer unser "Willusch",

1950 kam hoher Besuch! Colonell Wilson, oberster Chef der Weltpfadfinderbewegung, fand den Weg von Amerika nach hier! Ein Riesenerlebnis und Bestätigung für die Jungen! Kaum ein Wochenende an dem man zu Hause war. Man zog nicht nur in Jugendherbergen, sondern übernachtete in den Wäldern. In den Ferien ging es per Fahrrad oder per Anhalter durch Skandinavien, die BeneluxLänder bis hinunter nach Sizilien. Absoluter Höhepunkt der "Delawaren" aber war unter ihrem Stammführer Ewald Dietz 1961 der Kontakt, zu einer englischen Pfadfindergruppe in Chiswick bei London. Deren Besuch nicht nur in Breitscheid großes Aufsehen erregte. Mit mehr als 40 Personen schlugen die Engländer am Breitscheider Kiefernhain für vier Wochen ein Zeltlager auf, um Land und Leute kennen zulernen. Ein Jahr später erfolgte der Gegenbesuch nach Chiswick. Die Begrüßung durch den Bürgermeister mit Goldkette, Besuche Londons, des Buckingham Palastes, Schloß Windsor u.v.a. blieben den Jungen ein unvergessliches Erlebnis. Noch heute, nach mehr als 40 Jahren, gibt es Kontakte zwischen einigen, in die Jahre gekommen Pfadfinder beider Gruppen.
Die "Delawaren" existierten fast zwanzig Jahre, und wurden genau genommen, wie viele andere Gruppen und Vereine auch, das Opfer der einsetzenden Fernsehmanie. Aber auch durch Wegzüge vieler Familien. Festzuhalten ist, dass fast 100 Jungen die Gruppe beseelten und hier Halt fanden. Mit Freude und Stolz läßt sie noch heute an die Zeit der "Delawaren" im "Essener Lager" zurück denken: An Gerd Zimmermann, Eberhard Forstreuter, "Seppi" Richards, Ewald Dietz, die Schönbecks Jungen, und all die anderen Gruppenführer, die sie über fast zwei Jahrzehnte führten und prägten.

Anfang bis Mitte der 50er Jahre kam es noch einmal zu einer, wenn auch bescheideneren Fluchtwelle aus den Gebieten der russischbesetzten Gebiete. Ursache war der "Kalte Krieg" und die Androhung von "drüben", einer Schließung der Ost/Westgrenze. Viele Familien aus den Gebieten östlich von Berlin, Schlesien und Pommern machten sich darauf hin auf den Weg in den Westen. So auch in unsere Gebiete. Als Folge daraus entstand 1953 im Essener Lager die sog. "Flüchtlingshalle"(Holz), die manchem Ex-Bewohner schon entfallen sein dürfte. Sie stand im rechten Winkel hinter der Holzbaracke und war offensichtlich erheblich besser ausgestattet als die übrigen Baracken. Was die Steinhallenbewohner zu lauten Protestenaktionen veranlaßte, die ja schon Jahre hier ohne jeden Komfort auskommen mußten. Der Bau dieser Halle wurde laut Aktenlage vom Amt Angerland und wohl auch vom Kreis Mettmann veranlaßt. In deren Zuständigkeit die neuen Flüchtlinge fielen.
Die "Flüchtlingsbaracke" wurde etwa Mitte der 60er Jahre nach dem Auszug seiner Bewohner und wegen ihrer schlechten Isolierung abgerissen.
Verwaltungsmäßig unterstanden beide Lager von Beginn an der Stadt Essen. Doch hatte man hier im Lager den Eindruck, von ihrer Heimatstadt in manchem vergessen worden zu sein. Dass man da nicht so ganz falsch lag, zeigen Verwaltungsunterlagen aus jener Zeit, die zeigen, dass damals ernsthaft in der Verwaltung darüber diskutiert wurde, ob denn die Bewohner des sog. "Essener Lagers" überhaupt noch als Essener zu bezeichnen wären.... oder nicht doch schon gar Breitscheider Bürger. Von alle dem erfuhr man hier natürlich nichts. Denn es gab ja noch diesen Herrn Gorgas. Der allmonatlich mit seiner Ledertasche als städtischer Abgesandter kam, um die Mieten "einzutreiben". Das machte er nicht ungern. Denn es war ein leichter Job. Man kannte sich, und so wurden diese Tage für ihn zur schönen Routine. Gut einen halben Tag brauchte er für diese Aufgabe. Die restlichen Tagesstunden verbrachte er in der Wohnung des Lagerleiters, bei stundenlangen Gesprächen über Gott und die Welt und manch´ Geistigem. Sein Tagesauftrag endete immer gleich. Nämlich, wenn er spät abends seine Ledertasche mit den Mieteinnahmen unter den Arm klemmte, und sich in Seemannsmanier in Richtung Höseler Bahnhof auf den Weg machte.
Die Zuständigkeit Essens für die Lager bestand bis Ende April 1960. Ab 1. Mai 1960 gingen beide in den Verwaltungbereich der Gemeinde Breitscheid, bzw. des "Amtes Angerland in Lintorf" über. In deren Folge man, nach fast 15 Jahren, endlich die vertraglichen Bedingungen zwischen Nutzer und Grundbesitzer hinsichtlich Nutzung und Zuständigkeit regelte. Vereinbarungen, die bis heute rechtsgültig sind.
Dass die Situation in den Lagern nicht ganz unproblematisch war, mag man daran erkennen, dass das "Amt Angerland" mit Herrn Spanka einen Schiedsmann einsetzte. Als angesehener Mitbewohner des "Essener Lagers", genoss er das Vertrauen der Leute, und war mit den Verhältnissen und den Familiensituationen hier bestens vertraut.
Was das Kassieren der Mieten in beiden Lagern betraf, fand auch hier ein Wechsel statt. Die Herren Zeletzki und Esser übernahmen diese Aufgabe für das Amt Angerland. Und dass man diese Aufgabe nun zu zweit wahrnahm, lehrte sicherlich die Erfahrungen....
Über die Jahre entwickelte sich das "Essener Lager" zu einem beachtlichen Gemeinwesen. Mit einen regen Kindergarten, einer Sonntagskirche und einer erfolgreichen Schule. Zwischen den Hallen gab es gepflegte Gärten in denen Sommers die Wäsche zu Trocken hing und es gab Stallungen mit Kleinvieh. Saubere Wege verbanden die einzelnen Hallen. Auch machte sich in den Jahren des Wirtschaftswunders hier so etwas wie ein kleiner Wohlstand bemerkbar. Viele der einstigen Notquartiere gediehen zu schönen und liebevoll ausgestatteten Wohnungen mit zeitgemäßer Möblierung. So gab es z.B. in einigen Wohnungen sogar offene Kamine oder Schrankuhren mit Westminsterschlag. Auch der fahrbare Untersatz, ein Kleinwagen, das Motorrad, Moped oder Motorroller war keine Seltenheit. Was sich sehr positiv in der Versorgung des täglichen Bedarf bemerkbar machte, waren die nun guten Busverbindungen nach Ratingen, Essen, Lintorf, Düsseldorf, Heiligenhaus und Mülheim. Durch sie boten sich gute Gelegenheiten, in entfernteren Orten ein Auskommen zu suchen. Beliebte Arbeitgeber waren die Höseler Tapetenfabrik, die Spiegelglasfabrik Wagner in Hösel, die Fahrrad und Motorradfabrik Hoffmann (Vespa) in Lintorf oder die AEG (später H&B) in Heiligenhaus. Aber auch in anderen Orten und Städten boten sich hervoragende Möglichkeiten der Beschäftigung.
Mütter und Frauen ohne feste Anstellung dagegen, versuchten durch Gelegenheitsarbeiten ihre Haushaltskassen aufzubessern. Der Gaststättenbetrieb Doerenkamp bot ihnen hier eine willkommene Gelegenheit. Zu Hochbetriebszeiten arbeitete man in der Küche, oder zu sommerlichen Badezeiten waren es Hilfsarbeiten im Freibad. Dadurch hatten deren Kinder freien Eintritt. Obwohl deren Erscheinen dann letztlich nicht so gerne gesehen wurde. Schließlich versuchte man nach Wiedereröffnung des Freibades nach dem Krieg, durch eine gehobene Preisgestaltung für Eintritt und Verzehr sich einer potenteren Klientel zu empfehlen. Allerdings mit einem mehr mäßigen Erfolg. Denn niemand, auch die Bewohner des Lagers, ließen sich dadurch von einem Freibadbesuch abhalten. Notfalls blieb man auf seiner Decke Selbstversoger...

  Badefreuden im Freibad Krummenweg

Aber, hier wurde auch wieder diese Abneigung gegen alles was mit "dem Lager" zu tun hatte spürbar.
Es war jenes Vorurteil, dass man überall zu spüren bekam. Die Jugendlichen in den weiterführenden Schulen ebenso, wie die Erwachsenen im Beruf, auf der Straße, im Geschäft oder sonst wo. Bemerkungen wie " ...wohnt im Lager..." trafen sie tief. Freundschaften gingen zu Bruch bevor sie begannen. R.D. zum Beispiel erzählte, dass sie sich in ihrer Lehre in Golzheim mit einem Mädchen angefreundet, und diese an einem Sonntag zu sich eingeladen habe, um ihr, ihr schönes zu Hause und den schönen Wald zu zeigen. Das Mädchen traf nie ein. Es habe, so erfuhr sie später, beim Anblick der Baracken kehrt gemacht, und es wurde auch später nie wieder darüber gesprochen. Es war das Ende einer kleinen Freundschaft.... G.F. versagte man in einem Höseler Hotelbetrieb im letzten Moment die Lehrstelle mit dem Hinweis, dass man den Gästen eine Betreuung durch eine Person aus einem Lager nicht zumuten könne. S.P. verpasste aus gleichem Grunde eine Arbeitsstelle usw. Nahezu jeder ehemalige Lagerbewohner könnte solche Geschichten erzählen. Also vermied man es "draußen" tunlichst etwas über sein zu Hause zu erzählen. P.E. erinnert sich, dass er sich Jahre nicht getraut habe, seinen Arbeits und Sportkollegen zu erzählen, dass er im "Essener Lager" zu Hause sei. Aus Angst vor verletzenden Bemerkungen und Ausgrenzung. Dabei war schiere Unkenntnis die Wurzel dieser Vorurteile.
Zugegeben, für Außenstehende präsentierten sich die Barackengebäude mit ihren unverputzten Außenwänden wenig ansprechend. Da hatte man flott den Vergleich zum Lintorfer Ausländerlager an der Rehhecke zur Hand. Obwohl man von beiden Lager eigentlich so gut wie nichts wußte. Aber solche Vorurteile hielten sich hartnäckig.
Es wäre nun falsch anzunehmen, die Bewohner des "Essener Lagers" hätten sich als eine Art schicksalgebeutelte Gemeinschaft empfunden. Das nicht. Nur das Leben hier hatte sie in einer ganz besonderen Weise geprägt: Es gab Mütter, die sich alleine mit ihren Kindern über Jahre durchschlagen mußten, und diese trotzdem zu guten Bürgern unserer Gesellschaft erzogen. Oder Persönlichkeiten die noch gut in Erinnerung sind: Wie z.B. diesen Herrn Geuting. Ein "Pönterer". Der trotz einer Gehbehinderung es fertigbrachte, jedes defekte Auto oder Motorrad wieder in Gang zu bringen. Auch diesen winzigen Nachkriegs-Kleinwagen, einen "Schnittger F125" mit einem 6 PS Einzylindermotor ohne Rückwärtsgang. Da gab den Gerd Zimmermann. Der neben seiner schweren beruflichen Tätigkeit, viele Jahre eine Ratinger Rollstuhlfahrergruppe als Sportleiter betreute. Oder Herr Berens. Dessen Augen, trotz starker Brille, viel von seiner Willens und Charakterstärke verrieten. In Halle V wohnte Werner Nierhaus mit seiner zierlichen Frau. Ein kleiner, etwas verwachsener Mann und Kunstmaler. Seine liebevoll gemalten naturalistischen Werke hängen noch heute in einigen Wohnstuben. Da er und seine Frau wohl nur vom Verkauf seiner Bilder lebten, ging es ihnen zeitlebens mehr schlecht als recht.
Horst Neske. Der sich schon in jungen Jahren für eine Zukunft in Amerika entschied, und dort zu beachtlichem Wohlstand kam. Da war Franz Vokurka. Ein großer Junge mit einem Herzen für die Jugend und "seine Pfadfinder". Als gebürtiger Tscheche war er durch jugendlichen Leichtsinn in die Mühlsteine der Ost/Westpolitik geraten, und hier gestrandet. Seine Strafe dafür war, zeitlebens von seinen in Prag lebenden Frau und Kinder getrennt leben zu müssen. Aber hier fand er wieder ein kleines Glück. Eine liebe Familie und viele Freunde. Manchmal malte er. Wenn er seine Guitarre nahm, und die traurigen Lieder aus seiner Heimat sang, konnten einem die Tränen kommen. Übrigens sein bewilligter Antrag Deutscher zu werden, wurde ihm erst nach Jahren zugestellt. – Zwei Wochen nach seinem Tod. Franz Vokurka ruht auf dem Linneper Friedhof....

Und dann gab es da noch Frau Anni Marzian. Die um 1950 herum, oben an der Essener Straße eine kleine Trinkhalle errichtete. Zwar beschränkte sich ihr Angebot anfangs nur auf Bonbons, Zigaretten, Getränke, Langnese-Eis und Schulkram für die Kinder, so erweiterte sich ihr Angebot nach dem Ausbau ihres kleinen Geschäftes ganz erheblich. Denn nun gab es hier Brüh-, Curry- und Bratwurst der Extraklasse. Auf Qualität legte Frau Marzian größten Wert. Bratwurst z.B. bezog sie nur von Lintorfer und Tiefenbroicher Metzgern. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass ihre Currywurst landesweit bekannt war. LKW-Fahrer hielten hier in langen Schlangen zur Mittagspause an, und trugen den Rum von "Annis-Currywurst" durch die Lande. Das Straßenbankett wurde von den LKW´s natürlich regelmäßig kurz und klein gefahren. Sehr zum Ärger des Straßenbauamtes. Deren Arbeiter zum Ausbessern aber nicht ungernkamen.                                                                              

Denn es war für sie doch die Gelegenheit, hier eine leckere Curry- oder Bratwurst mit Pommes zu konsumieren. Auch sie gehörten natürlich längst zu Annis Fan-Gemeinde. Einmal die Woche machte "Anni" Eintopf. Ein Tag, an dem viele Herde im Lager kalt blieben. Frau Marzians Büdchen war so etwas wie eine Institution. Hier traf man sich zu den Mittagspausen oder abends auf den Bänken zu einem Bier und Gesprächen. Frau Marzian zog am 1. Mai 1972 zu Ihrer Tochter Renate nach Ratingen-Tiefenbroich. Damit verlor das "Essener Lager" ein Stück seiner Indentität. Vor allem nach außen. Frau Marzian starb 87jährig am 29. Januar 1997 im Ratinger "Haus Salem". Sie ruht auf dem Tiefenbroicher Friedhof.

Es war nun Zeit, in der sich das Ende des "Essener Lager" anbahnte. Denn auch die einst tragenden Institutionen wie die Saalkirche und der Kindergarten hatten mangels Bedarf ihren Dienst eingestellt. Hinzu kam, dass im Rahmen der großen Schulreform, auch die Waldschule am 31. August 1968, nach 21 Jahren ihren Dienst einstellte. Zusammen mit den Kindern der ebenfalls aufgelösten alten Breitscheider und der Linneper Schulen, gingen nun auch die Kinder der Waldschule, nach Konfessionen getrennt, in die neu entstandene "Matthias-Claudius-Schule" am Mintarder Weg.

Eigentlich schon Mitte der 60er Jahre begann der stete Exodus der alten Lagerbewohner. Ursache war mit, ein von der Stadt Essen ergangenes, befristetes Umzugsangebot an die Essener hier, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Die Umzugskosten hätte die Stadt getragen. Aber, nur wenige Essener nahmen dieses Angebot wahr. Denn man hatte über die Jahre auch die Wohn und Lebensqualität der umliegenden Kommunen schätzen gelernt. So zog es einige nach Mülheim, Lintorf oder Hösel. Viele blieben in Breitscheid. Beliebte Adressen wurden hier der "Kiefernhain", "Am Bruch" und die "Flurstraße". In der letzten Auszugsphase wies man den Essenern Wohnungen im spee´schen Neubauprojekt "An der Horst" zu. Es war, wenn man so will, der letzte Auflösungsprozess des "Essener Lagers". Welches mit dem Auszug der letzten Essenern auch seinen bezugnehmenden Namen verlor.

Die leer stehenden Wohnungen wurden nun z.T. mit Nichtseßhaften und sozialen Problempersonen aus dem kommunalen Umfeld belegt. Der Niedergang in und an den Hallen, im Miteinander der Menschen war unverkennbar. Dieser Zustand währte gut zehn Jahre, bis man auch diese Lagerbewohner in stadteigene Wohn und Notquartiere, wie am Tiefenbroicher Gratenpoet bzw. am Ratinger Westbahnhof unterbrachte.
1975, mit der kommunalen Gebietsreform, wurde Ratingen die Rechtsnachfolgerin des "Amtes Angerland". Sie ließ sofort drei Baracken niederlegen: Die Holzbaracke, die Schulbaracke und die Baracke in der die Kirche, der Kindergarten und die Pfadfinder einst ihr zu Hause hatten. Die restlichen drei Baracken gerieten erst einmal eine Zeit in Vergessenheit.

Erst Presseberichte, über Baracken in Breitscheid, in denen Asylantenquartiere eingerichtet werden sollten, ließ die Öffentlichkeit aufhorchen. Denn Asylanten waren das Reizthema! Gegen die Unterbringung solcher Leute in und an Wohngebieten, wehrte man sich vehement. Da boten sich diese Baracken zwischen Autobahn und Waldrand geradezu an. Die Einquartierung der Asylanten hier, betrachtete man als beste aller möglichen Lösungen. Bis heute....
Heute erinnert dort so gut wie nichts mehr an das Lager der Essener. Auch die ehemalige "Essener Straße" wurde inzwischen umbenannt in "Am Sondert". Der Zeitpunkt der Umbenennung mag Zufall gewesen sein. Aber für die ehemaligen Essener hatte das etwas Symbolisches. Der alte Straßenname verschwand fast zeitgleich mit den letzten Exodus der Essenern hier. Und mit ihnen verschwand die tausendfach benutzte Adresse "Essener Straße 5" für immer .
Heute steht die Adresse "Am Sondert" synonym für Menschen 2. Klasse. Fremd und anrüchig. Und mit Kopfschütteln nimmt man heute zur Kenntnis, dass für die Unterbringung der heutigen Bewohner, mit einigen Hunderttausenderbeträgen die Baracken mit Außenputz, festen Fenstern, Fensterläden, Türen und sogar Badezimmern(!) ausgestattet wurden. Woran man in den fast dreißig Essener Jahren nie einen Gedanken verschwendet hatte.

Vor einigen Wochen machten meine Frau ich uns dort noch einmal auf Spurensuche nach der Vergangenheit. Der Wald hatte sich fast alles zurückgeholt. Das heißt, eine kleine Ecke des Kindergartensandkastens fanden wir noch, und ein paar Fundamentenreste der Saalbaracke. Nur mit Phantasie war zu rekonstruieren, wo einst die Schule, oder Anni Marzians Trinkhalle stand. Namen fielen uns wieder ein. Namen Essener Familien, die hier Jahrzehnte gelebt hatten. Jahre, von denen heute mancher meint, dass sie so nicht hätten sein müssen. Nein, schlecht war es nicht. Aber, man hätte ihnen manches leichter machen können. Und nun hat jeder von ihnen so seine Erinnerungen an seine "Essener Lager" Zeit. Erinnerungen, die sie heute nicht mehr missen wollen. Und die sie über alles gesehen, und im Nachhinein, vielleicht sogar ein bisschen stolz machen.

Ich bitte um Nachsicht wenn hier nicht aller Fassetten der Lager, Ereignisse und Schicksale gedacht wurden. Meine Absicht war, die Geschichte der beiden Lager und seiner Bewohner vor dem Vergessen zu bewahren.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Allen, die mir bei der Recherche behilflich waren:
Manfred und Ursula Ipach - Lintorf
Horst Tournay - Lintorf
Eberhard Forstreuter - Breitscheid
Käthe Schönbeck - Breitscheid
Ilse Richartz - Kerpen
Familie Schultz - Mülheim
Gerda Feldmann – Breitscheid
Erika Seißelberg - Ratingen
Ursula Krug - Breitscheid
Günter Freitag - Mülheim
Peter Elbing - Lintorf
Lehrer Erich Klotz - Lintorf
Dr. Klaus Wisotzky - Zentralarchiv der Stadt Essen
Clemens, Graf von Spee - Breitscheid
Historisches Archiv Krupp – Essen
Wolfgang Heising - Löningen
Ilse Suter - Hösel
Frau Dreydemy - Breitscheid
Archiv der Diakonissen Schwesternschaft Bethesda in Wuppertal
Wolfgang Schwarzrock – Fa. Schloemann – Düsseldorf

u.v.a



Bildergalerie (folgen!)

   
 
   

   
  


Beitrag: 16.06.2006
Autor: Ewald Dietz - Internetredaktion
E-Mail: ewald.dietz@lintorf-die-quecke.de

   
    © 2002 - 2006 Verein Lintorfer Heimatfreunde